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Full text of "Schwarze Faden - Zeitschrift Nummer 0-77"

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EDITORIAL 


Es spinnt sich ein SCHWARZER Faden durch die Geschichte 
ider Menschheit: die Geschichte der kompromißlosen Kämpfe 
; urrf und für die Freiheit. Wo dieser Faden heute "ist", wo an 
:ihm anzuknüpfen, wie er weiterzuspinnen ist, um das heraus* 
-zufinden, machen wir seit Mai 1980 diese Zeitschrift. Wir 
i halten es für notwendig, die Geschichte und Gegenwart der 
! Unterdrückung, wie der (bisher meist erfolglosen) Befreiungs- 
; kämpfe kritisch aufzuarbeiten - wir sind der Auffassung, daß 
I diese Aufarbeitung zu unterlassen bedeutet, sich der Ge* 
j schichtslosigkeit preiszugeben und sich von den wichtigsten 
i Erfahrungen abzuschneiden; denn ohne bewußt aufgearbei- 
| tete Erfahrung kann es nur eine fortschrittliche Praxis geben, 

I die fortwährend am Nullpunkt beginnt. In der Auseinander- 
! setzung mit den gesellschaftlichen Veränderungen und 
j Bewegungen versuchen wir brauchbare Ansätze unter ant¬ 
istaatlichen Gesichtspunkten zu erarbeiten, auf die von 
aktiven Lesern — kritisch — eingegangen werden kann und 
soll. 



\ S S S S ^0 
S S S S S & 




SOUCHY - Interview 
Militärmacht UDSSR 
(C a sVoriadis - Intervi ew) 44* 

Bonn oder Berlin ? 

R hyt muswechsel 
Knast (SF) 

CHOMSKY ’s Anarchismus 

Schweinevermarktung 

Alemantschen 

Soziale Verteidigung 

Kurzes 

ORGAN I SAT IONS DIS KU SS ION 
— AAA 
— Liberacion 

~ Grüner Anarchismus ? 
Radio Libertaire 

Mauerlöcher (koNkrEtE poEsiEj 
ABONNIERT / R T D aue ki 






iHAMBACHER FEST 
j "BÜRGERKRIEG" 

! SPANISCHER DOKUMENTARFILM 


j1936-39 

'SOZIALE VERTEIDIGUNG 
|TÄGLICHE ZENSUR 
PETER SCHULT -FREIE LIEBE? 
GEFANGEN INITIATIVE 
SAMEN - ALTA-STAUDAMM 
i ANARCHISTISCHE ORGANISATION 
! - DISKUSSION - 



IMPRESSUM: 

Herausgeber: Wolfgang Haug, Reutlingen; V.i.S.d.P.: Horst Blume, 
Schleusenweg 10, 4700 Hamm; namentlich gekennzeichnete Beiträ¬ 
ge stehen unter der Verantwortlichkeit der Verfasser und geben 
nicht die Meinung des Herausgebers oder presserechtlich Verant¬ 
wortlichen wieder. Auflage: 1500 Exemplare; Satz: LatraSatz Horst 
Stowasser, Wetzlar; Druck: Winddruck-Kollektiv, Anzhausen; Wei¬ 
terverarbeitung: Anares-Gruppe, Köln; Erscheinungsweise: viertel¬ 
jährlich; Konto: Friederike Kamann — Postscheckkonto Stuttgart 
- Nr. 57463-703; Redaktionsanschrift: Schwarzer Faden Obere 
Weibermarktstraße 3, 7410 Reutlingen; Tel. 07121/ 37 04 9 4 

ISSN: 0722-8988; Nachdrucke gegen Quellenangabe und Beleg¬ 
exemplar ausdrücklich erwünscht! 


! 



















Anläßlich seines bevorstehenden 90sten Geburtstages am 28. 8. 82 besuchten SF-Redaktionsmitglieder Augustin Souchy in 
seiner Münchener Wohnung. Das Interview vom 17. 7. 82 führten Friederike Kamann und Wolfgang Haug, die Photos 
machte Bernhard Weiss. SF-Leser, die über die nachfolgenden ipterviewf ragen hinausgehend Interesse haben, seien darauf 
verwiesen, daß das ZDF für den Abend des 27. 8. Ein Interview mit Augustin Souchy plant. 


SF: Du hast in aller Welt anarchistische oder anarchosyndU 
kalistische Bewegungen beobachtet und mitbeeinflußt. Ob - 
wohl es auch heute wieder Anarchisten in der BRD gibt, so 
tun sie sich doch überaus schwer als politische Kraft ernst- 
genommen zu werden . Fühlst du dich deshalb als Fossil 
oder siehst du Bezugspunk te für dich? 

A. S.: Das ist eine schwierige Frage, weil heute tatsäch¬ 
lich die anarchistische Bewegung in allen Ländern kleiner ist 
als früher. In Argentinien hatten die Anarchisten beispiels¬ 
weise 20 Jahre lang eine Tageszeitung, La Protesta; die wur¬ 
de bereits früher unterdrückt, aber jetzt kommt sie über¬ 
haupt nicht mehr heraus, weil in Argentinien alles verboten 
ist. In Spanien kommen zwar Zeitungen heraus, aber die 
FAI als solche ist in Spanien nicht mehr organisiert, weil 
die Militanten fast alle im Ausland geblieben sind. In Me¬ 
xiko geben die Spanier eine Zeitung heraus, aber auch von 
geringem Einfluß, und in Nordamerika gab es früher die 
,,Freie Arbeiter Stimme", eine jiddische Zeitung für die 
auch ich Jahrzehnte Mitarbeiter war; sie kommt auch nicht 
mehr heraus. 

3 


Aber ich habe hier andererseits eine Zeitung, die kommt 
aus Japan. In England gibt's die alte „Freedom" und diesen 
Verlag Cienfuegos (zum Ff er bst erscheint dort die englisch¬ 
sprachige Ausgabe von „Vorsicht Anarchist"). Cienfuegos 
Ist der Name eines anarchistischen Genossen der Federacion 
Llbertaria aus Kuba. Er ist im Kampf gegen Batista ver¬ 
schwunden../ 

*{Anm: Camilo Cienfuegos, Sohn eines anarch. Aktivisten und 
selbst Libertärer, kämpfte an der Seite Castros und Guevaras und 
starb nach dem Sieg über Batista unter mysteriösen Umständen. 
Man vermutet, daß Castro & Co in seinem Flugzeug, mit dem er ab¬ 
stürzte, eine Bombe versteckten, um sich der Libertären in der Be¬ 
wegung zu entledigen.) 

Jedenfalls, die Bewegung ist nicht so stark wie früher, 
das muß man klar sehen; andererseits ist es aber so: von der 
Organisation her sind die Anarchisten nicht mehr so stark, 
aber die anarchistischen Ideen sind in viele Bevölkerungs¬ 
schichten eingedrungen; nicht als "anarchistisch", sondern 
als "antiautoritär". Ihr wißt es ja von Deutschland selbst, 
es gibt ja in jeder größeren Stadt Zeitungen, die keiner poli¬ 
tischen Partei zuzuordnen sind, ... Stadtzeitungen; diese] 
Beweggng ist nicht marxistisch, aber auch nicht rein anar¬ 
chistist ii... und von'vielen werde ich des öfteren eingeladen, 
in Schweden und hier in poutschfand.... . j 























Wie stehst du zu den neuen Wählbewegnngen in der I 
BRD? Wir meinen jetzt die GRÜNEN , die Alternativen ’ 
Listen oder die neueste Hoffnung der ,,heimatlosen Lin - 5 
ken’: die demokratischen Sozialisten? Sollten Anarchisten 
in diesen Sammlungsbewegungen mitarbeiten oder unter- \ 
stützend wirken , um Einfluß auf lokaler Ebene zu erlangen? ; 

Nein; ich bin der Ansicht, daß es weder moralischen, 
noch materiellen Wert haben könnte, sich an der Wahlpro¬ 
paganda der GRÜNEN und Alternativen zu beteiligen; da¬ 
gegen könnte man die Förderungen, die diese aufstellen, 
außerhalb der Parlamente zum Teil unterstützen. Im Parla¬ 
ment wären wir genau wie die Grünen jetzt, nicht Fisch und 
nicht Fleisch. Aber an den Bewegungen müssen wir teilneh¬ 
men, nicht nur an der ökologischen, sondern insbesondere 
auch bei der Frage über Krieg. Das habe ich auch in meinen 
Briefen (1) geschrieben, da gibt es soviel /u tun; auch Ab¬ 
stimmungen eventuell; ich bin nicht grundsätzlich für oder 
gegen Abstimmungen. Z.B. beteiligen siel» in Kanada viele 
Organisationen, Gewerkschaften, Kirchen daran, daß eine 
Abstimmung gegen den Krieg erfolgen soll. Oder all diese 
Versammlungen, Demonstrationen, auch die in Bonn oder 
die der Frauen von Skandinavien nach Paris, die jetzt nach 
Rußland wollen, — an all diesen Bewegungen sollten Anar¬ 
chisten teilnehmen. 


<1)Mit den angesprochenen „Briefen" meint Auaustin q otl rhv 
offene Briefe an Breschnew und Reagan, in denen er die Abschaf- 
tmg des Militärs fordert. Ursprünglich in der Zeitschrift eurOpäi- 

ren%ur ee Anti'rr r -t ff r tliCht ' WUrd6n diese Briefe und weitere Gedan- 
ken zur Antikriegsbewegung in ein „Nachwort zur 4. Auflage" von 

hand r verLc An a a h rChi5 K r auf9e "° mme "' Buch, das voml^er. 
DEM.vfb ^ 9 D = n n wurde - erscheint *um Oktober im TROT2- 
nnrh h i, REUTLINGEN und wird neben dem Nachwort 
noch durch ein Personenregister und Fotos erweitert 




Die IFA U hat es nach jahrelangem Hin- und Her zu einer 
bescheidenen Kontinuität gebracht . Trotzdem gibt es nur 
sehr wenige Aktivisten . Hat eine eigenständige Organisa¬ 
tion noch Sinn oder sollte man im DGB arbeiten oder 
ganz „Abschied vom Proletariat 7 nehmen und sich auf die 
sozialen Bewegungen stürzen? 

Hier in Deutschland ist es natürlich sehr schwer eine 
neue anarchosyndikalistische Bewegung zu gründen. Nach 
Beendigung des Krieges wurde solch ein Versuch in Ost¬ 
deutschland, wo die Kommunisten die Macht übernahmen, 
verboten; in Westdeutschland versuchte man die FAUD 
wieder aufzubauen, aber es ist nicht gelungen, und heute 
ist das politische Klima dergestalt, daß es wohl nicht mög¬ 
lich sein dürfte, eine neue selbständige anarchosyndikalisti¬ 
sche Gesellschaftsopposition aufzubauen. Dies trifft auch 
für Frankreich und Holland zu. Das einzige Land, wo es 
noch eine anarchosyndikalistische Bewegung gibt, ist 
Schweden; die nennt sich allerdings syndikalistisch, hat aber 
dieselben Grundzüge und war ja auch an die anarchosyn¬ 
dikalistische Internationale (IAA) angeschlossen. Sie haben 
heute 20.000 Mitglieder. In Deutschland ist es glaube ich 
sehr schwer; es wurde versucht, es gab ja in Frankfurt, im 
Ruhrgebiet verschiedene Gruppen, aber sie sind sich nicht 
einig geworden und das zeigt schon, daß das Klima nicht 
gut ist. 

Aber dagegen ist folgendes zu beachten: die Anarcho¬ 
syndikalisten haben sich früher doch für Dinge eingesetzt 
wie Selbstbestimmung und Übernahme der Betriebe; etwas 
was ja damals bei LIP in Frankreich der Fall gewesen ist; 
diese Ideen sind heute nicht ganz verschwunden und wer- 
I den von gewissen oppositionellen Elementen innerhalb der 
reformistischen Gewerkschaftsbewegung auf genommen. 
















Die Friedensbewegung orientiert sich momentan haupt¬ 
sächlich auf die Nachrüstung. Rührt sie damit nicht nur an 
oberflächliche Symptome des Militarismus und müßten 
nicht auch noch ganz andere Zusammenhänge angesprochen 
werden? 

Ich bin natürlich der Meinung, daß es nicht genügt, sich 
nur auf die Nachrüstung zu beschränken. Folgende fünf 
Punkte — würde ich vorschlagen — sollten die Anarchisten 
zu einer antimilitaristischen Bewegung beitragen: 

1. Abschaffung der Geheimdiplomatie und Veröffentli¬ 
chung der Geheimarchive der auswärtigen Ämter aller Län¬ 
der. Dazu möchte ich noch sagen, daß dies von Lenin vor 
dem 1. Weltkrieg gefordert wurde, noch ehe er an die Macht 
kam. Als er aber selber an die Macht kam, war's aus damit. 

2. Organisierung internationaler Volksabstimmungen in al¬ 
len Ländern gegen den Krieg. 

3. Aufhebung der allgemeinen Wehrpflicht und der stehen¬ 
den Heere. 

4. Sofortige Einstellung der Kriegswaffen Produktion und 
Umstellung der Produktion für friedliche Zwecke. 

5. Einsetzung internationaler Kontrollkommissionen zur 
Überwachung dieser Maßnahmen. 

Kannst du Vergleiche ziehen zwischen der heutigen Frie¬ 
densbewegung und deiner Tätigkeit im Antimilitaristischen 
Büro 1923 in Holland? 

Nach dem 1. Weltkrieg wurde ja die „No more war''-Be¬ 
wegung gegründet und in Holland war die Zentrale. Der Va¬ 
ter von Rudolf de Jong, Albert de Jong war der Sekretär. 
Und mit dem haben wir zusammengearbeitet. Es handelte 
sich dabei nicht um eine eigene Organisationsarbeit, son¬ 
dern wir wollten dann, wenn es nötig war eine breite Bewe¬ 
gung entfachen, in der alle mitarbeiteri. Als vor 5 oder 0 
Jahren in Dänemark ein Kongress der „No more war"-Be- 


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wegung war, habe ich vorgesch lagen, die alten antimlfitarL 
stischen Ansätze wieder zu beleben. Je starker, un so bes¬ 
ser; auf alileni Gebieten. Das Wichtigste ist die Abschaffung 
der allgemeinen Wehrpflicht Übrigens meS da noch gesagt 
werden: In England gibt es keine allgemeine Wehrpflicht, 
was allerdings die Engländer nicht davon abgetreten hat, in 
Falk (and Krieg zu führen. Daher ist die zweite Forderung 
die nach der Abschaffung aller stehenden Heere. 

Dann ist sehr wichtig, daß die Atomwaffen und affe Waf¬ 
fen überhaupt zerstört werden. Und dann hebe ich noch 
vorgesch lagen, daß ein Tag im Jahr als Weltfriedenstag be¬ 
stimmt werdeni soll. Ihr wißt Je wehrschein Irch, daß der 
1. Mai auf die Mä nlfestatron der Anarchisten ISS? in Chice- 
go zurücfczufihren ist. Ähnlich wie der 1. Mal nicht als ein 
Weltfeiertag;, Sandern als ein Weltkampftag, gedacht war, 
softe das auch: der Weltfriedenstag; sein. Ich Schläge den Tag 
der Sommersonnenwende vor, der fast mm alte Völkern 
gefeiert wird — als Tag; des; Lichtes'*, Der Bereich der Be~ 
stungskonversion — wie in England bei Lucas Aerospace — 
ist auch sehr wichtig* weil m der ffüstong Mneschen arbei¬ 
te, die mit Rüstung nichts zu fein haben wollen, aber wenn 
die Fabriken ohne Ersatz geschlossen würden* ihren Arbeits¬ 
platz vertieren. 


Wm hältst dm mm dm Friedeminitmmen derrmsmkm 
Megiemmg? Wm beurteilst dm die Verhmdhmg über die 
fertige Einfrienmg dm Wttffmarsemk m dm beiden 
!M&.ekew? : 

^ Ich halte nicht wie! mm> de» Verspreehungen der Russen. 
Äffe Abrüstung muEm tottratimil kontrolliert werden, 
dibt in ftoBM Amerikaner und ln Amerika Russen. Ete 
zuständigen Kommissionen dürfen nicht nur von Pariamen* 
tarier» besetzt werde», sondern- es- mißte auch die antfmh 
Irtaristisehen oder pmiflMsehm Organisationen darin ver¬ 
treten sein. Nicht nur von staatlicher Säte. Wir müssen 










selbst einschreiten. Ich bin nicht für die Basisdemokratie 
um ihrer selbst willen, aber gerade in diesem Bereich kann 
man sich ihrer bedienen; z.B. bei der Einstellung der Kriegs- 
Industrie und Kontrolle durch die Völker selbst. Da sollen 
die Arbeiter, die Gewerkschaften natürlich, aber auch die 
verschiedenen pazifistischen und antimilitaristischen 
Organisationen dabei vertreten sein. 



Der Anarchismus in Spanien und die Rolle der Anarchi¬ 
sten im Spanischen Bürgerkrieg markieren ja bis heute noch 
den historischen Moment , in dem die meisten anarchisti¬ 
schen ideen verwirklicht wurden . Du warst damals so etwas 
wie ein ,, Offentlichkeitssekretär'\ Kannst du uns kurz er¬ 
zählen, wie es dazu kam und was du beispielsweise zu tun 
hattest? 

Ich war zehn Jahre lang Sekretär der Internationalen Ar¬ 
beiter-Assoziation (IAA) in Berlin und bin als solcher öfter 
in Spanien gewesen. Noch vor Franco natürlich. Als Hitler 
zur Macht kam 1933, mußte ich aus Deutschland flüchten. 
Das Sekretariat der IAA in Berlin wurde aufgelöst und vor¬ 
läufig nach Holland verlegt, im Jahre 1936 hatte Mussolini 
Äthiopien besetzt. Und da wollten die Genossen in Barce¬ 
lona ein Meeting in der Stierkampfarena gegen den Faschis¬ 
mus veranstalten. Sie luden mich ein, daran teilzunehmen. 
Aber als ich dort einige Tage gewesen bin, wurde deutlich, 
daß Franco seinen Putsch vorbereitete. Da war es natürlich 
aus mit den Vorbereitungen für das Meeting. Es ging in die 
Gewerkschaftslokale, wo man sich vorbereitete, mit Geweh¬ 
ren usw.... 

Ich war später für 3 Tage im Radio und habe in französi¬ 
scher, englischer und deutscher Sprache gesagt, daß wir in 
Katalonien Franco besiegt haben. Die Information fürs Aus¬ 
land war meine Arbeit dort Dann bin ich auch ins Ausland 
gereist Z.B. nach Frankreich zur Volksfrontregierung Leon 
Blum, um dort um Unterstützung durch Waffen zu bitten - 
aber es ist nicht viel daraus geworden. 


Du hast in deinen Büchern viel von dm kollektivierten 
Land- und Industriebetrieben geschrieben. Wie entstanden 
sie und was hältst du im Nachhinein für die wichtigsten Er¬ 
fahrungen ? Fanden überregionale Kongresse der Kollektive 
statt, wenn ja, wie verliefen sie und was wurde dort be¬ 
schlossen? 

Die Kollektivierung ist nicht vom Himmel gefallen. Ich 
möchte einen interessanten Vergleich an stellen zwischen 
Spanien und Mexiko. In Mexiko brach 1911 eine Revolu¬ 
tion aus und war schon 1917 beendet, als die russische noch 
gar nicht begonnen hatte. Die Forderungen der Revolutio¬ 
näre waren: 1. Abschaffung der Wiederwahl eines Präsiden¬ 
ten, weil der regierende Präsident 35 Jahre an der Macht 
war. 2. Es wurde von den mexikanischen Bauern Land ge¬ 
fordert, das ihnen von den Co nq ui staderen und der Kirche 
genommen worden war. Mexiko war das erste Land, das ei¬ 
ne Agrarreform durchführte, sodaß jeder Mexikaner, der 
kein Land hatte, Grund und Boden bekommen konnte. 
Als dies geschah, stellte sich die Frage: Was sollte man da¬ 
mit tun? Es hat ja jeder für sich gearbeitet. Der Geist kollek¬ 
tiver Arbeit fehlte. Afso blieb Mexiko bis heute ein Land, 
das so kapitalistisch ist wie alle anderen, i 

Aber in Spanien hatten wir schon im vorigen Jahrhun- 
der damit begonnen, uns mit Kollektivierungen zu befas¬ 
sen. Die Sozialdemokraten wollten ein Gesetz zur Aufteilung 
von Grund und Boden einbringen. Aber die Anarchisten 
und Anarchosyndikalisten haben sich damit nicht beschäf¬ 
tigt, sondern die Bauern und Landarbeiter sollten selbst das 
Land in ihre Hände nehmen und es kollektiv bebauen. Und 
tatsächlich, auf dem Kongress der CNT im Jahre 1931 wur¬ 
de beschlossen, anstatt auf eine Agrarreform zu warten, das 
Land selbst in die Hände zu nehmen und zu bebauen* Das 
war schon lange Jahrzehnte in der Bewegung der spanischen 
Anarchosyndikalisten ein Problem, mit dem sie sich be¬ 
schäftigten. Sie waren damit vertraut, als der Bürgerkrieg 
ausbrach. Und tatsächlich, überall, wo Franco geschlagen 
wurde, wurde dann diese Kollektivierung sofort durchge¬ 
führt. Es war eine alte Forderung der Anarchosyndikali¬ 
sten, daß die soziale Revolution nicht durch Gesetze vom 
taat von oben eingeführt wird, sondern von unten durch 
die Arbeiter und Bauern. 

Ein Beispiel: Vor Franco gab es in Barcelona drei ver¬ 
schiedene Verkehrsunternehmen. Eines für die Untergrund¬ 
bahn, ein anderes für die Straßenbahn und eines für die Au¬ 
tobusse. Alle drei waren privat und unabhängig voneinan¬ 
der, während die Arbeiter in einer Transportgewerkschaft 
waren. Sie beriefen eine Versammlung ein, wo beschlossen 
wurde, daß sie die Betriebe zusammen übernehmen werden. 
Die Direktoren wurden sowieso abgeschafft. Die Gehälter 
der Straßenbahner wurden erhöht, die Arbeitszeit wurde 
herabgesetzt. Diese Reformen haben wir auf einer einzigen 
Versammlung eingeführt. Erst vier bis fünf Monate später, 
als die politische Situation so schwierig war, daß die GNT 
die Wahl hatte, sich ganz zurückzuziehen oder die Macht 
allein zu übernehmen, hatte sie keinen anderen Ausweg, als 
mit anderen Richtungen zusammenzuarbeiten. Die CNT 
nahm an der Regierung teil, denn sonst hätte die CNT die 
Befehle der Minister der anderen Gruppen befolgen müssen. 
Das wollten und konnten sie natürlich nicht tun* Sie betei- 
hgten sich an der Regierung und haben die Kollektivierun¬ 
gen legalisiert. 

Im August 1936 gab es in Barcelona eine Konferenz der 
Landkollektive von Katalonien und im Juni 1937 gab es in 
Valencia einen Kongreß aller kollektivierten Unternehmun¬ 
gen, sowohl landwirtschaftlicher wie industrieller Art; Ich 
habe selbst daran teilgenommen, allerdings nicht als Dele¬ 
gierter, sondern als Berichterstatter* Da gab es eine sehr in¬ 
teressante Diskussion über die Frage, wie die Entlohnung 
sein sollte. Die Landarbeitervertreter traten für das Prinzip 
ein „Jeder nach seinen Bedürfnissen". Und die von den In¬ 
dustriebetrieben - es waren ja nicht alle Anarchisten - die 


I 


§ 

I 


I 













| | wollten das nicht und waren für das Prinzip „Jeder nach sei - J 
I nen Leistungen". Nach zwei Tagen Diskussion gelangte man 
auf dem Kongress zu der Auffassung, keinen Beschluß zu 
fassen, den alle befolgen müssen. 

| Es gab keine einheitliche Kollektivierung, sondern jede 
Gruppe machte es so, wie sie es für gut befand. Eine sagte 
| z.B., wir wollen kein Geld mehr und sie haben das Geld 
| 9 anz abgeschafft. Jeder bekam das, was er brauchte an Le- 
1 bensmitteln usw... Und wenn er andere Dinge benötigte, die 
1 im Dorf selber nicht hergestellt wurden, tauschte man mit 
den Waren aus den Städten. Andere Kollektive haben das 
I Geld beibehalten, vereinbarten aber für alle den gleichen 
Lohn. Es war eine freiwillige Kollektivierung und das ist der 
große Unterschied zwischen den spanischen Kollektivierun¬ 
gen und den russischen Kollektivierungen. 

Wie wurde der Austausch zwischen den ländlichen und 
städtischen Produkten geregelt? 

In Barcelona waren viele Geschäfte kollektiviert und un¬ 
tereinander organisiert. Die Kleinhändler betrieben eine 
I Zentrale, wo die Bauern ihre Produkte hinbrachten und ver- 
| kaufen konnten, teilweise direkt, teilweise gegen Kredit; das 
| war nicht einheitlich. Die Bauern lieferten mit LKW's an ei¬ 
nen bestimmten Ort und von dort aus wurde es verteilt. 

Kannst du aus deiner Sicht kurz den Weg der CNT in der 
heutigen spanischen Gewerkschaftsbewegung beschreiben? 
Welche Rolle spielt sie noch ? 

Als Franco starb, war es die CNT, die während seiner 
Zeit am meisten verfolgt wurde. Es gab wenig Leute, die die 
anarchistischen^Traditionen weiter fortführten. Franco hat¬ 
te die Comisiones Obreras (CC.OO.), eine Art staatliche Ge¬ 
werkschaft gegründet*. Die anderen waren verboten. Der 
CC.OO. beizutreten bedeutete, der Franco-Gewerkschaft 
beizutreten. Das wollten unsere Genossen nicht. Ebensowe¬ 
nig die Sozialisten, die Kommunisten aber wohl. Als Franco 
starb, gründeten die Kommunisten eine eigene Gewerk¬ 
schaft, unter dem Namen CC.üO^Und das war die stärkste 
Gewerkschaft in Spanien. Die CNT gehört zu den Schwäch¬ 
sten heute, unter anderem auch aufgrund ihrer Spaltung. 
Nach Francos Tod wurde eine Art „Betriebsrätegesetz" ver¬ 
abschiedet. Dadurch wurden die Aktionen der Arbeiter an 
das Gesetz gebunden. Wenn z.B. die Arbeiter Forderungen 
stellten, verhandelten nur die Delegierten der Gewerkschaf¬ 
ten mit den Unternehmern. In der CNT gab es zwei ver¬ 
schiedene Auffassungen hierzu: 

I Die einen sagten, das ist eine staatliche Organisation, in 
der wir nicht mitarbeiten wollen; die anderen sagten, wenn 
wir uns verweigern, dann entfernen wir uns von den Arbei¬ 
tern. Die letzteren waren nicht absolut dafür, bei den Be¬ 
triebsräten mitzumachän, wollten sich aber in bestimmten 
Situationen beteiligen. Trotzdem kam es zur Spaltung, so- 
daß es heute zwei CNT'sgibt Eine in Madrid (CNT-M), und 
eine in Valencia (CNT-V)~*. 

Wie stark sind beide jetzt? 

Das ist schwer zu sagen. Wenn sie insgesamt lOO.OOß 
sind, ist es schon viel. Ich habe erfahren, daß die lokale 
Organisation von Barcelona 3000 Mitglieder hat. 

Und wozu gehört die Gruppe in Barcelona? 

Die gehören zu Madrid’'”* und sind gegen eine Beteili¬ 
gung an den Betriebsräten, während die in Valencia sich 
unter bestimmten Bedingungen daran beteiligen. 

RE F 




*Hier irrt Augustin Souchy: Die CC.OO. entstanden Anfang der 
60er Jahre als autonome Arbeitergruppen bet den Minenstreiks in 
Asturien. Die KP Spaniens hat in jahrelanger Wühlarbeit diese Or¬ 
ganisation vor den Karren ihrer Partei gespannt. Die Frartco-Ge- 
werkscbaft hieß CNS. Richtig ist, daß die CC.OO.- und KP- Funk¬ 
tionäre in Francos letzten Lebensjahren einen massiven Entrismus 
in die CNS betrieben um an wichtige Schaltstellen zu gelangen, so 
daß sie 1975, nach Francos Tod, einen sehr guten „Start" hatten. 

** Die von Augustin Souchy CNT-M genannte CNT nennt sich sel¬ 
ber CNT oder CNT 5. Kongress und beruft sich auf die Mehrheits¬ 
beschlüsse des 5. CNT-Kongresses, 1979 in Madrid. Die etwas klei- 
2?^®' v t ? n Souch V CNT-V gekannte CNT nennt sich selber ebenfalls 
CNT {in Katalonien CCT) oder CNT impugnadora, d.h., die die 
Beschlüsse von Madrid zurückweisen, weil sie diesen Kongress für 
manipuliert halten. Beide Organisationen sind im Prinzip landes¬ 
weit organisiert und haben in allen wichtigen Städten ihre jeweili¬ 
gen Gruppen. - 

ANM. d. Setzers I 



Wir wollen die Gelegenheit nutzen und dich zur FAUD 
(Freie Arbeiter Union Deutschlands) der Weimarer Zeit 
und zu ihrer Zeitung f JDer Syndikalist" fragen. Beide sind 
heute nur noch wenigen bekannt. Deshalb bitten wir dich 
ah ehemaligen Redakteur , kurz Entwicklung ; Auflage und 
Verbreitung zu schildern. 

Die FAUD entstand nach dem 1. Weltkrieg aus der Frei¬ 
en Vereinigung Deutscher Gewerkschaften, die nach dem 
Sozialistengesetz gegründet wurde. „Der Syndikalist" war 
das Organ der FAUD und wurde jedem Mitglied gratis gege¬ 
ben. Dadurch wußten wir genau, wieviele Mitglieder wir 
hatten. 



Wurde die Zeitung überhaupt nicht verkauft? 

Nur wenige. Daß auf der Straße oder in Fabriken ver¬ 
kauft wurde, mag es auch gegeben haben. Wenn ein Orts¬ 
verein Exemplare dafür bestellt hat, war das seine Sache. 

Dann war also „Der Syndikalist'' kein Propagandablatt 
sondern ein Mitgliederblatt . ' i 

Ja. Wir hatten einmal 120.000 Auflage. Das war aber * 
auch das Höchste. 100.000 war so der Durchschnitt zur j 
Zeit der Kampfe im Ruhrgebiet (1923/24). Ua waren die ! 
Syndikalisten mit im Vordergrund. In Düsseldorf hatten wir 
sogar ei ne. Tageszeitung „Die Schöpfung''; sie kam ungefähr 
zwei Jahre lang als Tageszeitung heraus. Thematisch stand ; 















Wir haben anfangs über aktuelle soziale Bewegungen ge - 
sprochen , die libertäre und antiautiritäre Ansätze enthalten . 
Dazu gehört auch die Diskussion um Selbstverwaltung. Zum 
Problem der Selbstverwaltung in Betrieben kamen u,a. mit 
der Solidarno sc auch viele Impulse aus Polen. Wie schätzt 
du die Bewegung der polnischen Arbeiterselbstverwaltung 
ein? Vielleicht verglichen mit dem jugoslawischen Modell? 

In Jugoslawien ist es so, daß nicht das Wirtschaftsmini¬ 
sterium allein von Belgrad aus bestimmt, wer einen Betrieb 
leitet, sondern in Übereinstimmung mit den lokalen Orga¬ 
nen der Stadtverwaltung. Es ist dabei nicht ganz so zentra¬ 
listisch wie das russische System, wo der Fabriksowjet nur 
noch Fragen sekundärer Bedeutung entscheidet, etwa Si¬ 
cherheit, Hygiene... und keinen Einfluß auf die Produktion 
selbst hat. Aber in Jugoslawien wird der Betriebsleiter eben 
nicht von der Belegschaft allein gewählt, und sein Gehalt 
beträgt mehr als das Doppelte des Lohns der Arbeiter. Das 
entspricht nicht dem Begriff des „Sich-Selbst-Verwalters" 
und ist auch nicht so dezentral ist isch wie in Spanien '36. Da 
wählten die Arbeiter ihre Direktoren oder Ingenieure 
selbst. In Polen ist es ja nun so wie in Rußland, das Mi¬ 
nisterium bestimmt die Betriebsorganisation. Da hatten die 
Arbeiter nichts zu sagen - ihre Forderung nach Selbstver¬ 
waltung kam aus dieser praktischen Erfahrung — nicht, weil 
sie die internationale Arbeiterbewegung kennen oder ir¬ 
gendwelche Ideale oder positive Postulate verwirklichen 
wollten. Dazu kam noch die durch den Zentralismus verur¬ 
sachte schlechte Wirtschaftslage. Ich glaube nicht, daß einer 
der polnischen Arbeiterführer die Geschichte der 1, Interna¬ 
tionale kennt, — sondern allein aus praktischer Erwägung... 

Ähnlich war es in Israel bei den Kibuzzim; die gab es ja 


damals die Frage des Streikrechtes und - von Rußland her 
- die Organisierung in Räten im Vordergrund. Es bildeten 
sich Betriebsräte; das haben wir unterstützt - aber nicht das 
spätere Betriebsrätegesetz, das nur für die großen Betriebe 
galt. Auch die Idee der direkten Aktion haben wir propa¬ 
giert und eingesetzt. Als der Kapp-Putsch kam, haben wir 
den Widerstand in den Bezirken mitorganisiert. Wir haben 
also eine gewisse Rolle gespielt, aber die Mehrheit der Ar¬ 
beiter organisierte sich im ADGB. 

Wie war das Verhältnis der FAUD zu den anderen Lin¬ 
ken und z.B. zur AAUE? 


Mit denen haben wir zusammengearbeitet. Auch vor der 
Machtübernahme Hitlers, als es darum ging, Bewegungen da¬ 
gegen zu unterstützen. Da war die AAUE von Otto Rühle 
und Franz Pfemfert. Es gab da verschiedene kleine Grup¬ 
pierungen, auch die Anarchisten von Erich Mühsam. 

Und wie sah diese Zusammenarbeit aus? 


Wir hatten gemeinsame Versammlungen gegen den auf- 
kommenden Faschismus. Im ökonomischen Bereich war ja 
alles durch die Tarifverträge geregelt; da haben wir uns 
nicht beteiligt — außer wo es unbedingt notwendig war. 
Aber dieser Ansatz war politischer Natur. Das war keine 
Organisation auf Dauer, sondern jedes Mal von Fall zu Fall. 

Wie habt ihr auf die Auseinandersetzungen zwischen 
KPD und SPD über den sogenannten „ Linksfaschismus* l re¬ 
agiert? 

Mit der KPD hatten wir nichts zu tun; z.B. als die Sache 
mit Sacco und Vanzetti war, hatten wir in Berlin eine Pro¬ 
testversammlung der Anarchosyndikalisten einberufen. Pa¬ 
rallel gab es eine der Kommunisten. Die Versammlungen 
waren räumlich getrennt und doch gemeinsam für die 
gleiche Sache. Sonst hatten wir mit den Kommunisten 
nicht viel gemein — nur bei bestimmten Problemen. 

Siehst du im Nachhinein irgendwelche Fehler in der 
FAUD-Politik? 


Nein. Die FAUD hatte ja höchstens 100.000 Mitglieder 
und konnte keinen Einfluß auf die politischen Ereignisse 
in Deutschland ausüben. Sie konnte gar keine Fehler ma¬ 
chen. In fast allen Betrieben hatte ja der ADGB die Mehr¬ 
heit Wenn es um Fragen ging, wie den Beginn der Militari¬ 
sierung (Panzerkreuzer) oder den Abtreibungsparagraphen, 
haben wir immer die Positionen bezogen, die freie Men¬ 
schen einnehmen mußten. 












auch nicht, weil sie Kropotkin gelesen hatten. In Israel ka¬ 
men die ersten Einwanderer bereits vor dem 1. Weltkrieg, 
zur Zeit der sozialistischen Siedlungsprojekte, - z.B. in Ber¬ 
lin-Oranienburg der 'Garten Eden' von Landauer, Oppenhei¬ 
mer, Gesell... .Gleichzeitig entstand die zionistische Bewe¬ 
gung. Die ersten kamen nach Palästina in einer Gruppe von 
100 Personen, Männer und Frauen, und jeder bekam vom 
zionistischen Komitee ein Stück Land. Und das hätten sie 
ja nun für sich selbst bebauen können. Denn das zionisti¬ 
sche Komitee sagte nicht: ihr müßt ein Kollektiv gründen! 
Sondern sie haben es aus praktischer Erwägung gemacht. 
Wasserleitungen, Straßenbau, Elektrizität, Felder anfegen ~ 
das hätten sie einzeln ja niemals fertiggebracht. Aus der ge¬ 
meinsamen Arbeit ergab sich dann das kollektive Zusam¬ 
menleben. Damit gingen sie im persönlichen Bereich noch 
weiter als die Spanier, die ja nach wie vor in ihren engen 
Kleinfamilien lebten, wie elend das auch immer war. 

Wie erklärst du dir den Widerspruch zwischen dieser frü¬ 
hen Kibuzzbewegung und dem Nationalismus den der Staat 
Israel heute gegenüber den Palästinensern praktiziert? 

Das begann mit der allmählichen Einrichtung und dem 
Zustrom der Verfolgten unter Hitler. Von den ersten Ein¬ 
wanderern kann man sagen, daß sie grob gesagt Sozialisten 
waren,, auch wenn die die marxistische oder anarchistische 
Lehre nicht unbedingt kannten. Die meisten aus Polen ge¬ 
hörten dem BUND an, der russisch sozialistischen Partei in 
Polen. 

Der Nationalismus begann mit der Staatsgründung Isra¬ 
els. Es gab damals zwei Richtungen: die eine von Ben Guri¬ 
on - er propagierte einen eigenen Judenstaat; die andere 
wurde verkörpert von Martin Buber, Professor Magnes, die 
den IHUT gründeten. Sie waren dafür, daß die Juden zu¬ 
sammen mit den Arabern einen Staat gründeten. Aber Bert 
Gurion hatte die Mehrheit. Hätten sie damals den Rat Mar¬ 
tin Bubers befolgt, wäre die Situation heute eine ganz an¬ 
dere... 

Und jetzt bei den letzten Wahlen wurde ja Begin Mini¬ 
sterpräsident, und da hat der österreichische Bundeskanzler 
Kreisky ja nicht ganz unrecht, das ist ein halber Faschist, 
der Begin. 

Wir haben am Schluß noch eine persönliche Präget In, 
deinem Buch „Vorsicht Anarchist ” beschreibst du alle 
wichtigen Persönlichkeiten aus der anarchistischen Bewe¬ 
gung der Weimarer Zeit. Es fehlt aber fast ganz, was so die 
tägliche Kleinarbeit ausmachte, was du eigentlich tatest, 
wie du gelebt hast. Dabei handelt es sich doch um deine Me¬ 
moiren. Hast du all dies bewußt ausgelassen, wurde es ge¬ 
kürzt, oder fehlt es deshalb, weil der Akzent auf politische 
Erinnerungen liegt? 

Ja, das letzte ist der Fall. Ich sagte mir, das Persönliche 
hat keine Bedeutung. 

Würdest du uns von dem Persönlichen auch ein bißchen 
was erzählen , weil es für uns ja auch um den Menschen 
Souchy geht? 


Mein Vater war von seinem Vater her Handwerkermeister, 
hatte einen eigenen Betrieb und einen Laden, wo er die Waren 
verkaufte; Drechslermeister. Proletarischer Kleinbürger, 
oder wie nennt man das? Zuerst habe ich bei meinem Vater 
gearbeitet, dann ging ich nach Berlin und machte eine Aus¬ 
bildung als chemischer Laborant und damit verdiente ich 
mein Geld. Und da ging ich dann auch abends in die Bi¬ 
bliotheken und habe die ganze Literatur gelesen. 

Dann ging ich nach Wien und arbeitete in einem Labor, 
und als der 1. Weltkrieg ausbrach, das habe ich ja schon ge¬ 
schrieben, wurde ich verhaftet, denn ich gehörte der Grup¬ 
pe um die BEFREIUNG an die heute in Graz herauskommt; 
die hat den Ursprung in „Erkenntnis und Befreiung*'von 


Pierre Ramus. Wir waren vor allem Antimilitaristen. Alle, 
die nicht Österreicher waren, wurden ausgewiesen. Da wur¬ 
de ich an einen anderen gefesselt und bekam einen Steck¬ 
brief, einen Zettel: „Vorsicht Anarchist!" 

Und wie bist du überhaupt zur anarchistischen Bewe¬ 
gunggestoßen? 

Mem Vater war Handwerksgeselle und wurde Sozialde¬ 
mokrat, wie August Bebel - der war auch Drechslermeister, 
und war dann der bekannteste Sozialdemokrat in Ratibor, 
Oberschlesien, wo ich geboren bin... 



mit 90 noch 






Demokrat" beschimpft. 

Als ich nach Berlin ging, habe ich mir Adressen von dor¬ 
tigen Sozialdemokraten mitgenommen. Und dann ging ich 
einmal in eine Versammlung, in Neukölln in der Rasenhei¬ 
de, da sprachen Clara Zetkin und Gustav Landauer. Ich ha¬ 
be mir beide angehört, und Gustav Landaber hat mir besser 
gefallen. Am nächsten Tag ging Ich dorthin, wo er seine Zei¬ 
tung herausgab, den „SOZIALIST", und allmählich wurde 
ich bekannter und befreundeter mit ihnen und kam so in 
die Bewegung. 












(Am polnischen Beispiel illustriert) 



Was ist die Sowjetunion heute, 60 Jahre nach der Oktober¬ 
revolution? Was wird aus diesem totalitären System in 60 
Jahren? Diese Fragen sind an Cornelius Costariadis gerich¬ 
tet Es sind dieselben Fragen, mit denen sich die Teilnehmer 
eines Seminars „Arten des sowjetischen Totalitarismus und 
Imperialismus” beschäftigten; organisiert vom „Centro Stu- 
dii Libertari G. Pinelli”, Ende März in Mailand. 

Die Infragestellung der sozialen Natur der UdSSR ist 
heute groß in Mode gekommen. (...) Anscheinend ist die Pe¬ 
riode definitiv abgeschlossen, in welcher sich keine Zweifel 
stellten oder die bloße Hinterfragung des sowjetischen Re¬ 
gimes schon bedeutete, auf der Seite des amerikanischen 
Imperialismus oder „Lakai der Reaktionäre” zu sein. Casto- 
riadis gehört aber keinesfalls zur heutigen „spätreifen 
Kompanie”. Zusammen mit Claude Lefort — in der hervor¬ 
ragenden Zeitschrift „Socialisme ou Barbarie” — beschäf¬ 
tigte er sich mit der Sowjetunion seit den letzten Kriegs¬ 
jahren, als er nach Paris kam. 

Castoriadis, Athener, studierte Recht, Ökonomie und 
Philosophie. Am Anfang der Besetzung Griechendlands 
durch Deutsche und Italiener gründete er, gemeinsam mit 
anderen kommunistischen Dissidenten eine politische Wi¬ 
derstandsgruppe in Opposition zur offiziellen kommunisti¬ 
schen Partei. Sie schlossen sich zustimmend der trotzkisti- 
schen Organisation von Spiros Stünas an, bis Ende 1945 als 
er nach Frankreich umsiedelte. Ab diesem Zeitpunkt wird 
sein Interesse für die „Länder des realen Sozialismus” syste¬ 
matisch. Sein Einfluß auf die extreme Linke Frankreichs 
nahm ständig zu: Seine Analysen sind laufende Währungen 
unter den Protagonisten des Mai 68. Heute lehrt Castoriadis 
an der „Ecole Pratique des Hautes Etudes”, einem Pariser 
nachuniversitären Institut. Er ist Autor zahlreicher Bücher, 
u.a. „L'institutiön imaginaire de la societe, 1975”, „Les 
carrefours du labyrinthe, 1978”, „La societe francaise, 
1979”; (inwieweit diese Titel auf deutsch vorliegen ist der 
sf-redaktion leider unbekannt; aus der zitierten Zeitschrift 
entstanden bei MAD/Edition Nautilus folgende zwei Titel: 
„Arbeiterräte und selbstverwaltete Gesellschaft” und „Post¬ 
skript zur Neudefinition der Revolution”.) Costariadis hat 
seit Jahren aufgehört, sich als Marxist zu definieren. Diese 
Trennung gab ihm jedoch nicht (wie bei vielen seiner Ge¬ 
neration geschehen) den Anstoß zur Position der Sozialde¬ 
mokratie oder des Liberalen, sondern zur Richtung eines 


— Interview unserer italienischen Freunde von der 
Rivista A mit Cornelius Castoriadis — 

(Übersetzt von Roland Meerbrey; bearbeitet und 
mit Anmerkungen versehen von Wolf gang Haug) 


immer besser akzentuierten libertären Bewußtseins. Die 
Begegnung in Mailand war eine gute Gelegenheit, ihn zu in¬ 
terviewen. 

FRAGE: In deinem letzten Buch „Devant la guerre” 
schreibst du, daß Rußland nicht mehr hinreichend als Land 
beschrieben ist, in welchem die Technobürokratie zur domi¬ 
nierenden Klasse wurde, sondern in welchem die Ausbeu- 
tung und Unterdrückung Höhen erreichte, wie sie noch nie 
in der modernen Geschichte bekannt waren. Was sind das 
für neue Elemente? 

ANTWORT: Um dir antworten zu können, ist es notwendig 
vorher einige Betrachtungen anzustellen. An erster Stelle 
müssen wir hervorheben, daß der Terror der Masse in der 
Form des Stalinistischen verschwunden ist. Es gibt keine 
Mörder von hunderten, von tausenden von Menschen mehr, 
auch keine Konzentrationslager von zig-Millionen Gefan¬ 
genen. Sicher gibt es totale Repression, aber diese Repres¬ 
sion ist im gewissen Sinne wesentlich wirkur gsvoller, will 
heißen, sie hält das Volk unter der Macht der Obrigkeit, oh¬ 
ne Hinrichtungen von Massen und ohne Millionen von Men¬ 
schen in den Konzentrationslagern. Der „klassische” Terror 
der Stalin-Ära ist nichts anderes als eine Phase, die ich das 
„Delirium” nenne. Es gab keine rationale Rechtfertigung 
zu der Verbreitung dieses Terrors, weder ökonomisch, noch 
politisch. (...) Jetzt ist dieses „Delirium” verschwunden. 
Aktuell sind Lügen, Lügen in enormer Quantität, aber diese 
Lügen sind kein „Delirium”. Die totale Verachtung der 
Wirklichkeit, welche einst in der stalinistischen Ära charak¬ 
teristisch war, ist verschwunden und die Schuld an Mißer¬ 
folgen wird nicht mehr von den wahren programmgemäßen 
Plänen auf die sabotierenden Anarchisten oder Trotzkisten 
geschoben. Es existiert nicht einmal mehr eine totalitäre, 
künstliche Konstruktion der Realität. Ein anderes, für die 
Betrachtung wichtiges Element ist die Zersetzung und prak¬ 
tische Liquidation der Ideologie. Eine Ideologie muß einer¬ 
seits einen universellen Zuschnitt und rationale Argumente 
haben, andererseits in die Organisation der sozialen Realität 
emgreifen können. Dies ist heute in Rußland nichtder Fall. 
Der Marxismus-Leninismus ist ein vereinfachtes Ritual, wel¬ 
ches nicht einmal versucht mit aktuellen Fragen übereinzu¬ 
stimmen und in die Organisation der sozialen Wirklichkeit 
einzugreifen. D. h., daß die „Roten Herrschaften” nicht 
mehr die totale Kontrolle der Realität in Händen haben. 
Das Regime verzichtet auf die Kontrolle der Gedanken und 
der Seele des Menschen. Sicher; sollte Irgendeiner seine 
Opposition gegen das Regime öffentlich demonstrieren, en¬ 
det er in der Psychiatrie oder im Konzentrationslager, — im 
besten Fall verliert er seine Arbeit. Aber solange niemand 
protestiert wird jeder in Ruhe gelassen. Das Regime be¬ 
schränkt sich auf die Kontrolle des äußerlichen Benehmens. 
Es läßt sich sagen, daß das Regime pawlowianisch oder skin- 
ner isch (Pawlow und Sk inner waren Verhaltensforscher, die 
meinen, daß der Mensch — wie ein Tier — auf jedes Signal 
einen bestimmten Reflex zur Antwort gibt; sprich; daß der 





Mensch wie eine Maschine gefüttert werden kann und der 
Fütternde sein „Tierchen" dann ganz unter Kontrolle hal¬ 
ten kann; nach Skinner sollten Kinder mit Lernmaschinen, 
erzogen werden; nach Skinner werden Gefangene im ÜS- 
Knast MARION „angepaßt" und nach Skinner leben soge¬ 
nannte Alternativer {Futurum oder Waiden fl) in Land¬ 
kommunen, wo mit Lob und Tadel geregelt wird. „Polemi¬ 
sche sf-red.") geworden ist und auf die Supersozialisation 
des Menschen verzichtet. Im Gegensatz zur Vergangenheit 
neigt heute das Regime zur Privatisation, zur kleinen per¬ 
sönlichen Karriere und zum Wodka. (Na denn Prost, Brü- 
I derchen! Anm. Roland M.) 

FRAGE: Aber was repräsentiert diese Entwicklung? Was 
besagt es für das aktuelle Regime? 

ANTWORT: Vor allem ist es wichtig zu verstehen, daß das 
Totalitaristische bereits am Anfang fehlgeschlagen war, ge¬ 
nauso wie irgendwelche Formen der Selbstreformierung der 
Bürokratie. Mit dem Tode von Stalin wird angenommen 
(und viele denken das auch noch heute), daß die Bürokratie 
sich von selbst reformieren kann, und daß die russische Ge¬ 
sellschaft sich in diese Reformrichtung weiterentwickelt; 
vom Standpunkt eines universellen Ostens oder von einer 
östlichen Ideologie aus betrachtet, ist der Staat normal und 
neigt in die Richtung aller Gesellschaften: ein wenig Demo¬ 
kratie und ein wenig von der freien Marktwirtschaft. Man 
begann daher Reformen zu studieren und sie im bürokrati¬ 
schen Systen einzuführen; man begann zu studieren, inwie¬ 
weit sich mehr ökonomische Rationalität einführen ließe- 
im östlichen Sinne, im Regime-Sinne. Sie glaubten daran, 

, die Probleme der russischen Gesellschaft mit dem Schema 

[ der amerikanischen Soziologie analysieren zu können: gro¬ 
ße Mode, Spiele und Wettbewerbe zwischen verschiedenen 
Interessengruppen. Aber so lag die Sache eben nicht In der 
Realität waren bereits zwei Versuche für eine Reform von' 
oben vorhanden. Der erste - von Malenkow — wollte die 
Produktion der Güter für den Konsum erhöhen; aber dies 
scheiterte sehr schnell an der Intervention von Seiten des 
Heeres. Der zweite - von Chrustschow — wollte vor allem 
die militärische Bewaffnung limitieren. Auch Chrustschow's 
Versuch wurde von einer Koalition eliminiert, die Teil des 
Heeres war. Nach allein Johnt es sich nicht mehr, Versuche 
von Selbstreformen näher zu verfolgen. 

Heute, wo die kommunistische Partei zum „totalen Para¬ 
siten" geworden ist, verfolgen wir die phantastische Ent¬ 
wicklung auf dem militärischen Sektor; viele wenn nicht die 
großen Fragen, welche die russische Gesellschaft betreffen. 


M SiPl 






können nicht angepackt werden ohne das Einverständnis 
des Heeres! Deswegen gehe ich so weit zu sagen, daß das 
Heer die dominierende Macht in der russischen Gesellschaft 
geworden ist. Heute ist die Macht in Rußland eine „Strato- 
kratische Macht", folglich eine Struktur, die das Wachsen 
des Heeres mit dem sozialen Körper in Einklang sieht 
FRAGE: Aber das Heer scheint nicht direkt die Macht zu 
verwalten, es besitzt keine „zentrale Position" in der sowje¬ 
tischen Machtstruktur. 

ANTWORT: (...) Vor allem anderen müssen wir uns fragen, 
was ist die Macht? Bzw. einfacher, der formale Apparat der 
Macht? Wir dürfen nicht einfach an eine Reproduktion der 
Macht denken in der Form, wie sie uns bekannt ist. Heute 
gibt es in Rußland eine neue Form der Macht, die wir mit 
unseren bisherigen Modellen nicht erklären können. 

In diesem Fall handelt es sich nicht nur um das Heran¬ 
wachsen einer militärischen Macht, sondern um ein neues 
Phänomen... Niemals bisher existierte ein Heer, das sich in 
solchem Ausmaß mit der Industrie zu einem Komplex ver¬ 
wickelte um zu bestehen. (...) Meiner Ansicht nach domi¬ 
niert dieses russische Heer, weil es bei Plänen, bei Direkti¬ 
ven etc. bevorzugt behandelt wird, weil es national und in¬ 
ternational auswählen kann. (Um ein konkretes Beispiel 
einzufügen: die polnischen Solidarnose-Vertreter im Exil 
warnen die Friedensbewegung vor der Militärmacht UdSSR, 
weil diese auch in Polen Rohstoffe, Arbeitskräfte und Fa¬ 
briken für ihre Zwecke einsetzt; d.h. z.B. in Polen Pläne 
aufsteift, was und wieviel fürs Militär gegen welche Bezah¬ 
lung zu produzieren ist Diese „Fremdarbeit" ist auch ein 
Grund für Polens Mißwirtschaft; Anm. sf-redaktion) Der mi¬ 
litärische Sektor hat jedoch kein Interesse zu bestimmen. 
Wer als Ausbilder nach Ost-Sibirien bestimmt wird oder wie 
der Preis für Schuhe festgelegt wird; - für solche Sachen be¬ 
steht die Bürokratie der Partei. 

FRAGE: Also besitzt die Partei immer noch einen wichti¬ 
gen Posten in der sowjetischen Gesellschaft? 

ANTWÖRT: (...) ln Rußland gibt es zwei Sektoren: Der zi¬ 
vile Sektor, welcher nicht funktioniert oder nur schlecht 
funktioniert: in diesem Bereich gibt es einen konstanten 
Mangel an guten Produkten bzw. schlechte Qualität. 

Dann der militärische Sektor, welcher perfekt funktio¬ 
niert und der Rußland zur ersten militärischen Macht der 
Welt machte. Diese Situation will etwas verdeutlicht wer¬ 
den: 

Das Heer der Nach-Stalin-Zeit ist ein Heer von Nuklear¬ 
ingenieuren, Elektronikern, Chemikern, Ingenieuren der 
Metallurgie...; kurz ein Heer, von Spezialisten. Das Wachs- 
tum der Differenz zwischen dem zivilen Sektor und dem 
militärischen Sektor ist enorm. Es scheint, daß die militä¬ 
rischen Bereiche als die einzigen effizienten Teile der russi¬ 
schen Gesellschaft gelten. Diese militärische Gesellschaft 
(ich spreche, um genau zu werden, vom professionellen Teil 
im Heer) ist vor allem eine enorme Industrie, welche nach 
meinen Kalkulationen ca. 20 Millionen Arbeiter einbezieht- 
- auf eine Gesamtzahl von 140- 150 Millionen Arbeiter 
W.e ist es möglich, daß dieser Sektor effizient produ¬ 
ziert? Um dies zu beantworten, ist es nicht hinreichend 
auf die großen Möglichkeiten der Produktion hinzuweisen : 
Zum Beispiel fallen seit 10 Jahren der Agrarwirtschaft ! 
30 /o der Investitionen zu, und sie ist trotzdem immer in 
einer desasterähnlichen Situation. Es existiert also eine an- ! 
dere Organisation der militärischen Produktion, von wel¬ 
cher wir heute — dank der Aussagen der Dissidenten — die 
Daten haben. (Laut Solidarnosc-Vertretern gibt es auch Pri¬ 
vilegien für in der 'militärischen' Industrie tätiqe Arbpiter- ■ 
Anm. der sf-redaktion) ' j 

Zusammengefaßt (...): notieren wir die militärische „Un- ' 
ter-Gesellschaft' als die einzige lebende Kraft in dem Re- j 
gime, zu der die Partei im Vergleich als eine Art „Spezies j 
von lebenden Kadavern'' erscheint, dann sehen wir daß der j 
■Jatalitarjarms im Klassischen Sinne den Pipt, für einen i 







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neuen Typ von sozialer Formation freimachte; diese nenne 
ich „Stratokratie" (laut Duden: „Fehlanzeige”; geschätzte 
Übersetzung der sf-redaktion: Herrschaft einer Schicht) 
FRAGE: Hat es trotzdem noch Sinn, das sowjetische Re¬ 
gime als totalitäres zu bezeichnen, charakterisiert durch die 
Formen, die uns bekannt sind? 

ANTWORT: Ich glaube, wir müssen erkennen, daß wir uns 
einem neuen geschichtlichen Wesen gegenüberstehen, wel¬ 
ches mit dem klassischen Totalitarismus eine gemeinsame 
Charakteristik hat: es hängt an der brutalen Gewalt um der 
brutalen Gewalt willen. Aber es gibt einen wesentlichen Un¬ 
terschied, weil wir feststellen müssen, daß in Rußland das 
Ziel einer totalen Herrschaft von der Gesellschaft getrennt 
wurde. Die Herrschaft versucht weitet das Ziel zu sein, 
bleibt aber eine externe (= äußerliche) Herrschaft. Warum? 
Ich denke, daß wenigstens im Fall von Rußland der klassi¬ 
sche Totalitarismus fehlgeschlagen ist mit seinem zentralen 
Ziel das humane Sein total zu assimilieren oder, wenn es 
fehlschlägt, es zu vernichten. Dies läßt sich unmöglich be¬ 
weisen, aber meiner Ansicht nach „übersetzt” uns der Zu¬ 
sammenbruch der Partei und das Hervorgehen des Heeres 
diese Möglichkeit. (Folgt man Castoriadis' Argumentation 
und sieht das Militär als Subsystem der östlichen Gesell¬ 
schaften, dann ist die Militärdiktatur in Polen nicht der letz¬ 
te Ausweg eines totalitären Systems a la Chile, Argentinien 
usw., sondern eine logische Konsequenz, die möglicherweise 
allen osteuropäischen „real-militärischen” (?) Ländern 
droht. Ist der militärische Sektor privilegiert in der Aus¬ 
wahl am know-how, Techniken, Rohstoffen und Industrie¬ 
anlagen und funktioniert deshalb besser als alles andere, so 
wird er dann zum Einschreiten gezwungen, wenn eine orga¬ 
nisierte Gewerkschaft diese Privilegien wieder für andere 
gesellschaftliche Bereiche zurückfordert; oder wenn eine 
Partei (durch Massenaustritte wie in Polen) so weit abge¬ 
storben ist, daß sie ihre formalen Verwaltungsaufgaben 
nicht mehr erfüllen kann. Das heißt auch, diese Arbeitstei¬ 
lung zwischen Militär (tatsächliche Macht) und Partei (offi¬ 
zielle und bürokratisch-verwaltende Macht) funktioniert 
nur, wenn die K* ft zwischen den beiden Systemen Militär¬ 
gesellschaft und Gesamtgesellschaft nicht so groß wird, daß 
die Gesamtgesellschaft zusammenbricht; tut sie das, dann 
muß das Militär - um seine Teilgesellschaft zu erhalten, 
die Macht und die lästigen Aufgaben in der Gesamtgesell¬ 
schaft mitübernehmen; d.h. ca. 20 Millionen managen dann 
die Gesellschaft alleine! Demzufolge schließt auch Casto¬ 
riadis: - Anm. der sf-redaktion) 

Sicher ist die Geschichte noch nicht beendet, aber in die¬ 
sem Punkt der „Evolution” wird deutlich, daß es unmöglich 
ist, den Widerstandsfaktor Mensch zu übergehen. Wir wie¬ 
derum können denken, daß immer die Möglichkeit des 
Kampfes für die Freiheit vorhanden ist, — und nicht nw 
denken, sondern auch versuchen, dies in Aktionen umzu¬ 
setzen. 



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Heft 2/1982: Polen nach dem Militärputsch 
~ oH r Einschätzung der Lage nach dem 13.12. 
~ T er n k . e,ten ^ er westdeutschen Linken 

mit der Polen-Solidarität 
Die wirtschaftspolitisehen Reforrnvorstel- 
jungen der Solidarnosc (Dokumente und 
Einschätzung) 

128 Seiten, DM 8,- 

Heft 4/1981 : 1. Kongreß von Solidarnosc 
mit dem vollständigen Gewerkschaftspro- 
gramm von Solidarnosc 
sowie Beiträgen von Staniszkis, Kuron u.a. 
96 Seiten, DM 6,~ 

Heft 3/1981: Polen 1981 
- Arbeiterselbstverwaltung in Polen 
-Zur Lage der Landwirtschaft 
Probleme mit der Wirtschaftsreform u.a. 

112 Seiten, DM 6,- 1 

Bezugsbedingungen; Alle Bestellungen an das 
Sozialistische Osteuropakomitee, Postfach 
2648, 2000 Hamburg 13; die Lieferung von 
Einzelheiten erfolgt nach Vorauszahlung 
(Heftpreis + Portoanteil von DM 1,-); ein 
Jahresabonnement kostet DM 30,- für vier 
Hefte; Überweisungen auf das Postscheck¬ 
konto Hamburg Nr.53173-206, Peter OfTen- 
horn, Sonderkonto, 2000 Hamburg. 





















4 , 




Die Friedensbewegung mobilisierte nach Bonn und obwohl 
ihr kleinerer Teil: die Anti-Kriegs-Bewegung zu Hause blieb 
und ihr noch kleinerer Teil: die Anti Imperialismus-Bewe¬ 
gung nach Berlin fuhr, kamen mehr als zur medienberühmt 
gewordenen Bonner Friedensdemo 81. Während die Anti- 
Imps blauäugig ihren Sieg am Nolli feiern, hatte so man¬ 
che Gruppe bei ihrer Rückkehr ein Mitglied weniger aufzu¬ 
weisen. Wer dennoch vom Sieg spricht, muß ein Gruppen¬ 
bewußtsein haben, wo der einzelne nichts mehr zählt und 
nur noch die Sache wichtig ist; ein militarisiertes Bewußt¬ 
sein also, das die Frage zuiäßt, für wen da eigentlich ge¬ 
kämpft wird. 

Trotzdem brachte der Nolli eine zentrale Erfahrung: daß 
so oft verspürte Ohnmacht trotz andauernder staatlicher 
Aufrüstung kein Dauerzustand sein muß, daß eine Opfer¬ 
mentalität (die intellektuelle Entsprechung zum no-future- 
Denken) unangebracht ist, bzw. den Glauben an die eigene 
Kraft aufgibt. Hinzu kommt, daß es eine Grenze für Angst 
gibt und hier macht der Staat seine Fehler. Wer „dicht 
macht'' und versucht, chilenische Stadien auf deutsche 
Straßen zu übertragen, läßt der Angst keinen Ausweg. Wer 
mit der Angst Politik macht — und darin sind die Einsatz¬ 
leiter seit ein paar Jahren wahre Meister - muß eine WAHL 
lassen. Wenn keine Wahl mehr bleibt, verändert sich die 
Angst: auch der Furchtsame hat keine Chance mehr, also 
muß er sie nutzen. 

„Die Anti-Kriegs-Bewegung blieb zu Hause", ist eine Be¬ 
hauptung, die vielleicht von anderen Aktiven widerlegt 
wird. Klar erscheint, daß viele Anarchos, Spontis und ande¬ 
re Linksradikale keinen Bock hatten, superfriedlich einen 
Tag in Bonn spazierenzugehen; für teures Fahrgeld in einer 
Masse eingepfercht zu sein, wo auch organisiertere Gruppen 
(als wir sie haben) keine Akzente mehr setzen können. Re¬ 
den zuzuhören, von denen man sich — wie am 1. Mai von 
den Gewerkschaften oder bei Antinazidemos von der SPD/ 
DKP nicht vertreten fühlt. Kurz, die Friedensbewegung war 
in Bonn genauso zahlreich vertreten, wie im Jahr zuvor, und 
sie war in ihrer Zusammensetzung weniger radikal als je zu¬ 
vor. Nach Berlin fuhr die westdeutsche Antikriegsbewe¬ 
gung, wenn überhaupt, dann ganz vereinzelt. Die Gründe 
liegen auf der Hand: zu weit - zu teuer - zu zentralistisch 
- und: man kennt sich zu wenig aus, um ohne sichere Ver¬ 
luste mitzumischen. Kurz und schlecht, ein großer Teil der 
überzeugtesten Reaganfans machte gar nichts außer mit 
klammheimlicher Freude die TV-Nachrichten aus Berlin 
bzw. mit gelangweiltem Abwinken das Friedenstralala von 
Bonn zu verfolgen. Viel zu kurzfristig und vor allem ohne 
organisatorische Basis, ohne konkrete Treffs, Ortsangaben 
etc. wurden noch Aufrufe zu dezentralen Autobahnblocka¬ 
den verschickt, eine von der Sprache (kein „Kampf dem..." 
e tc.) und vom Inhalt (dezentrale direkte Aktionen) äußerst 
begrüßenswerte Sache. Aber sie verdeutlichte die momenta¬ 
ne Schwäche der Antikriegsbewegung, es reicht nur zu zen¬ 
traler Mobilisierung, zum Ausrichten auf die großen Sym- 
boldemonstrationen, aber es hat sich noch keine Struktur 
entwickelt von der aus dezentrale Aktionen organisiert wer¬ 
den könnten. Daß die breite „Friedensbewegung" (incf. 
DKP, Krefelder... etc.) kein Interesse an direkten Aktionen 
hat, dürfte klar sein, zu sehr unterscheidet sich ihr Politik¬ 
verständnis von unserem, zu sehr werden sie immer den 
Symbolen, den Massen etc. hinterherjagen, egal was sie am 
Ende bewirken. Die Friedensbewegung zu beeinflussen, 
dürfte also eine Sysiphosarbeit sein, die nur Kräfte im bü¬ 


rokratischen Gerangel um Einfluß verschleißt; wichtiger 
wäre die praktische Organisierung der Anti-Kriegs-Bewe¬ 
gung. Erst dann erzielen solche Aufrufe wie der zur Blök 
kade sämtlicher Autobahnen der BRD am 10. 6." Wirkung 
fn unserer momentanen Situation war die einzige - uns be- 
kannt gewordene - Auswirkung ein Strafantrag gegen das 
Münchner BLATT wegen der „Veröffentlichung eines Auf¬ 
rufs zur Begehung von Straftaten". Um die Diskussion noch 
etwas weiterzuführen, drucken wir einen Artikel der Berli 
ner „RADIKAL" nach; wieder mit dem Hintergedanken, 
daß unsere über 100 Berliner Abonnenten sich in Zukunft 
aufschwingen, den SF als Diskussionsforum mitzubenutzen 
und uns authentische Beiträge zuschicken, denn daß wir 
stellvertretend analysieren oder diskutieren, halten wir mit 
unserem Amspruch für nicht vereinbar. Bis jetzt deckt ihr 
uns eher mit Aufrufen oder mit Action- bzw. Initiativen- 
erichten ein, anstatt mit Analysen oder Diskussionsbeiträ¬ 
gen, die in einer vierteljährlich erscheinenden 
Zeitschrift viel sinnvoller wären. U.a. weil K. Ätzer zu ei¬ 
nem ganz ähnlichen Schluß kommt, wollen wir ihn hier ab- 
drucken - („Schwarzer Kanal" ??? tzz) 







Wenn wir alle unser revolutionäres Über-Ich mitbringen, 
dann sind wir schon doppelt so viele 


Reagan-Show — Gleisdreieck der Be¬ 
wegung? Hängt die organisierte Poli¬ 
tik, die Politik der Organisationen, 
den Rest der Bewegung von sich ab? 
Auf den VV’s um den Reagan-Besuch 
wurden Differenzen deutlich, die un¬ 
sere Gemeinsamkeiten zu untergraben 
drohen. Die Organisierten fühlen sich 
im Aufwind, bei Unorganisierten ent¬ 
deckt man Kadermentalitäten; andere 
verkriechen sich in ihrem Frust, flie¬ 
hen die Langeweile und das Gefühl, 
sich nicht mehr einbringen zu können. 
Aber der Rückzug vieler ist nicht nur 
Folge der grenzenlosen und unbeirrba¬ 
ren Aktivität derer, die zu wissen 
scheinen, wo es lang geht; durch ihn 
werden jene z.T. erst in die Kader rolle 
gedingt. Wir müssen die unterschied¬ 
lichen Positionen und Politikauffas¬ 
sungen diskutieren, um weiter zusam¬ 
men handeln zu können. 

- Als die Bewegung abging, rannten wir 
1 los, den Blick vom Raum der vereisten 
Gegenwart gelöst, schauten irgendwo¬ 
hin, nirgendwohin, egal wohin, und 
genossen den Luftstrom, der an uns 
vorbeiflog. Unsere Spontaneität führ¬ 
te uns unfehlbar über das Packeis, in 
das sich unsere Spuren einrissen. 
Dann wurden wir zu schnell für uns — 
oder war es doch zu glatt? Wirliefen 
noch eine Weile dem Mythos unserer 
Spontaneität hinterher (einige laufen 
immer noch), dann lehrten Einbrüche 
und Bauchlandungen uns den Unter¬ 
schied zwischen Spontaneität und Un¬ 
besonnenheit. Spontaneität heißt, oh¬ 
ne Nachzudenken das Richtige tun zu 
können; Unbesonnenheit ist, wenn 
man besser nachgedacht hätte. Wir 
schickten uns an, Neuland zu betreten 
— oder treten wir auf dem selben Bo¬ 
den nur anders auf? Zaghaft began¬ 
nen wir, nach- und vorauszudenken. 
Aber die meisten von uns hatten in der 
Anfangseuphorie die Erinnerung, mit 
der man in den Kampf um die Zu¬ 
kunft geht, vergessen mitzunehmen. 
Aus der Geschichtslosigkeit entsteht 
der Fehler der Wiederholung, die Wie¬ 
derholung der Fehler. Und da die Tra¬ 
gödie bereits vor Jahren als Farce wie¬ 
dergekehrt war, scheint uns nur noch 
das Komödienstadel zu bleiben. Die 
Überwindung der Kopflastigkeit hat 
bisweilen die Kopflosigkeit begünstigt. 
Man zerbricht sich den Kopf über 
Marschrouten, den günstigsten Ort 
der Konfrontation mit den Bullen, 


sehen Organisationen nicht die wasser-j 
köpfigen Embryos derjenigen Institu-! 
tionen erkennbar, die wir gestern noch! 
aufs Abstellgleis ihrer Geschichte der! 
Disziplin geschoben hätten. Wo es| 
darum geht, daß wir etwas organisie¬ 
ren, koordinieren, vorbereiten müs-| 
sen, stehen die Organisationen schont 
bereit, wie der Igel in der Fabel. Sie 
überreichen einem Flugblätter, Infos, 
Ratschläge und dann — wenn man es 
endlich glaubt, daß sie es besser wissen 1 
müssen — Anweisungen. Wo Argu--^ 
mente gesucht werden, bieten sie sie 
an, nein: feil. Die Marktschreierpose|f 
soll allzuoft das Klischee als Inhalte 
verkaufen. 

VV im Kukuck: Vorschlag — Gegen¬ 
rede — Beifall — Vorschlag wegge-^S 
putzt. Demo ab Nolli oder Treffpunkt! 
gleich am Schloß, wo das Politrodeo^ 
mit den eingeflogenen Yankee-Stars 


hung ist jedem klar; auf einer VV 
kann man zusätzlich erfahren, daß 
dies „entwürdigend“ ist. An meine 
Würde hatte ich gar nicht gedacht. 

Darum: alle müssen entschlossen... 
geschlossen... starke und machtvolle 
Demonstration... blublaberlall. Nun, 
ich denke, wenn jeder sein revolutio¬ 
näres Über-Ich mitbringt, sind wir 
schon doppelt so viele. Ehre, Würde, 

Verantwortung, Entschlossenheit — 
das sind Reagans Worte am 11.6.. Be¬ 
griffe und Moraleinstellungen, die als 
lächerliche Kobolde anscheinend auch 
in unseren Köpfen noch ihr Unwesen 
treiben. 

Insgeheim ist ja auch schon alles für 
die Demo vorbereitet, zumindest die 
Marschordnung: Kreuzberg 36 vorn, 
dahinter die bewährten Hamburger, 

Kreuzberg 61 in der Mitte, Schöneberg 
läuft hinten, ebenfalls verantwor¬ 
tungsvolle Position; aber die Ehre, die ablaufen soll? Die Argumente gegensj 


Spitze zu bilden, gebührt natürlich 
den 36ern, schließlich hat es dort auch 
die ersten Hausbesetzungen gegeben. 
Ordensverleihung am 12.12. jeden 
Jahres auf dem Heinrichplatz. 

Am 11.6. kommt es auf der Straße 


zum Glück alles ganz anders. Militär- wochenlangen 
taktiker waren wir noch nie. Mit De- mitgeholfen haben! 
mozug in Richtung Schloß ist nichts. 

Die Bullen ziehen einen banalen Strich 
durch unsere Rechnung indem sie den 


Schloß (Erfahrung mit Jubel-Berli¬ 
nern bei der Militärparade) spielen 
kaum eine Rolle, an ihnen wird nicht| 
weiterdiskutiert. Statt dessen: Wer 
wagt es überhaupt, gegen die Demo 
aufzutreten? Diejenigen, die nicht bei 
Vorbereitungen 
Knock-out! Ar¬ 
beit, Einsatz zählt, Argumentationser¬ 
satz No 1. Außerdem tragen wir durch I 
die Ankündigung der Demonstration^ 


UUIVU uiijviv iwvtiuM** ö —- -- ♦ n \r 

Nolli in ein chilenisches Fußballsta- ««« große Verantwortung“ gegen 


dion verwandeln. Aber auch ihre 
Rechnung geht nicht auf (oder etwa 


über den Westdeutschen (wahrschein- jgj 
lieh sogar gegenüber dem Weltproleta- 


doch?): die action geht ab, und sie riat), worauf unser .bester Mann* dan 
geht geil abt Nolli, Potse, Maaßenstra- kenswerterwe.se aufmerksam macht. 

° ° . ... Fc fmript cirh trpinpr rfpr ihm Ata Vor 


ße, Winterfeldplatz: unsere Klamotten 
überfliegen schwerelos die Grenzen 
der Ordnung, das Recht steht in Flam¬ 
men. Die Augenblicke, in denen es mir 
gelingt, aus den Fesseln der gewohn¬ 
ten Ohnmacht zu springen, gleichen 
sich: ob 12.12., Goltz-Straße, Haig 
oder ein anderer Anlaß — das feeling 
ist dasselbe. Kein bedächtiger Zeige¬ 
finger, der zwischen mir und „der Be¬ 
völkerung“ hin- und herwandert und 
an die Notwendigkeit „vermittelbarer 
Aktionen“ zwecks zukünftiger Revo 


Es findet sich keiner, der ihm die Ver¬ 
antwortung abnehmen kann; No 2. 
Auf die immer noch nicht „Überzeug¬ 
ten“ wird ein Feuer magischer Be¬ 
schwörungsformeln abgeschossen: 
breiter Widerstand... gemeinsam... 
Stärke zeigen... einheitlich... Ge¬ 
schlossenheit... Mit Führerpathos 
wird ein Massen feeling herbeiimagi- 
niert, in dem so manch einem die 
Wangen zu glühen beginnen; No 3... 
(Wie schon beim Haig-Auftritt, wo 
wir uns viel zu früh in der Goltzstraße 


lution gemahnen will, läßt mich auf festgebissen haben, als es noch mög- 


die Gegenwart der Revolte verzichten. 
Das ist das eine. 

Man kann die Frage diskutieren, ob 
man nicht doch hätte versuchen sol¬ 
len, die action näher vors Schloß zu 
tragen statt sich gierig auf sie zu stür- 


mögliche Beeinflussung der Gericht- zen dort, wo sie uns angeboten wird. 


sentscheidung usw. — was sinnvoll ist 
Aber ständig droht alles in die militär¬ 
stabsmäßige.Planung der Randale ab¬ 
zugleiten. Taktik gegen Taktik, wie 
werden die Massen am effektivsten 
eingesetzt. Darüber scheinen einige 
von uns vergessen zu haben, die nöti¬ 
gen Krawallutensilien herzustellen, 
j Farbbeutel, Krähenfüße etc. 

Wenn die Bullen auf beiden Seiten der 
(Demo nebenherlaufen? Die Bedro- 


Z.T. schliddern wir wie Esel auf dem 
Glatteis der Taktik und Besonnenheit, 
greifen nach dem erstbesten Halt, der 
sich bietet, nicht sehend, daß es die 
Saugnäpfe und Krallen sind, die uns 
seit Jahrzehnten in ihrer Macht halten 
wollen. Als hätten die leninistischen 
Parteiredner in der Geschichte nicht 
längst ausgekaspert; als wären in den 
trotzkistischen, international¬ 

kommunistischen, antiimperialisti- 


lich war, näher ans Rathaus m kom¬ 
men.) Allerdings warum? Action 
bleibt action, strategische Ziele (Ein¬ 
nahme des Rathauses, Verhinderung 
des Reagan-Besuchs) haben wir sowie¬ 
so nicht, und publikumswirksam war 
es auch. 

Zum Publikum (der durchs Medien¬ 
spektakel inszenierten „Öffentlich¬ 
keit“): Anfangs hat sich die Bewegung 
nicht darum geschert, wie die Straßen¬ 
action bei „der Bevölkerung“ an- 
komml; die action war selbstverständ¬ 
licher Ausdruck dessen, was wir woll¬ 
ten. Und siehe da, bis tief in die bür¬ 
gerliche Öffentlichkeit hinein verstand 
man unsere Ausdrucksformen, sym¬ 
pathisierte sogar mit uns. Dann gelang 


reinen Stein in 
d alceinEsrrbt 









es der Politik der Massenmedien, un¬ 
sere Aktionsformen isoliert von den 
damit verbundenen Inhalten zu prä¬ 
senteren und den Haß der Bürger auf 
uns zulenken. Wir werden nicht um¬ 
hin können, den Inhalt des Aufruhrs, 
den Aufruhr als Inhalt (nachträglich) 
zu vermitteln. (Nachträglich, weil wir 
uns von ihm nicht abhalten lassen, 
wenn die Vermittlung nicht gelingt.) 

Aber machen wir nicht auch selbst die 
Öffentlichkeit zurri Publikum? Ist das 
Publikum nicht für uns zum Spiegel 
geworden, durch den hindurch wir uns 
nur noch selbst betrachten können? 
Versichern wir uns der Existenz unse¬ 
rer Bewegung nicht durch die Schlag¬ 
zeilen und TV-Berichte, die wir erzie¬ 
len? Paradoxerweise richten wir Ak¬ 
tionen auf den „Erfolg“ in den Mas- 
senmedien aus, denen es sowieso 
lingen wird, die Öffentlichen Reaktio- «<*3 
nen zu steuern. Subversiv wären Ak-^ 
tionen, die unter dem Einfluß der 
Massenmedien hindurchtauchen wür¬ 
den. 

Zur anderen Frage: Wie bringen wir 
unsere Inhalte rüber, welche Rolle 
spielen wir in bzw. gegenüber der Frie¬ 
densbewegung? Soll mir keiner mit 
dem Gelaber kommen, durch militan¬ 
te Straßenaction erreiche man nichts, 
mache man sich in puncto Frieden un¬ 
glaubwürdig etc. pp- Vor allem keiner, 
der alle paar Jahre zur Wahlurne 
rennt, um seine Ja-Stimme zum Sy¬ 
stem und dessen Gewaltapparat abzu¬ 
geben. Unsere Militanz ist antimihtan- 
stisch insofern sie sich jeder uns aufge¬ 
zwungenen Ordnung widersetzt. Aber 
ich fürchte (?), unser Beitrag zur Frie¬ 
densbewegung ist dort am stärksten, 

*wo er sich nicht artikuliert. Welche In¬ 
halte haben wir bisher geschafft zu ar¬ 
tikulieren? Nato, Yankee-Imperialis¬ 
mus, El Salvador, Profitinteressen des 
bundesdeutschen und multinationalen 
Kapitals und deren Rolle im imperiali¬ 
stischen Treiben... Aber die Richtig¬ 
keit einer Position entscheidet sich 
nicht nur nach den Antworten, die 






die Erziehung durch Familie, Schule, 
evtl, kirchliche Moral etc. gelingt, wa¬ 
chen die Leute schon als Spießer in der 
Welt der Politik auf, mit einem spießi¬ 
gen Weltbild. Die Selbstopferung in 
der Arbeitsdisziplin ist der Prüfstein. 
Die Massenmedien sichern den Sozia¬ 
lisierungsprozeß ab: sie präsentieren 
die Politik als Nachricht; sie ist ein Ge¬ 
schehen, von dem man im nachhinein 
erfährt; Handeln tun immer die Ande¬ 
ren; nach diesem Handeln wird man 
ausgerichtet: Nach-richt. Das Bewußt¬ 
sein bleibt vom Willen und der Tat ab¬ 
geschnitten, die Struktur des kapitali¬ 
stisch durchrationalisierten Alltags de¬ 
gradiert es zur Meinung, die sich in der 
(Parlaments-) Wahl zwischen vorgege¬ 
benen Möglichkeiten erschöpft. Das 
Funktionieren im Alltag ist Vorausset¬ 
zung, und Folge der Untertanengesin¬ 
nung. Radikale Politik heißt dem¬ 
nach, die Subversion im Alltagsleben 
voranzutreiben. Der Antiimperialis¬ 
mus beginnt im Klassenzimmer: wenn 
Schüler lernen, auf Noten zu scheis- 
sen, wenn sie Klassenarbeiten verwei¬ 
gern, sich der Schulpflicht entziehen; 
im Elternhaus: wenn sich Leute der el¬ 
terlichen Autorität wider setzen, die er- 



man auf bestimmte Fragen gibt, son¬ 
dern wesentlich danach, ob man die 
richtigen Fragen stellt. Selbst wenn 
viele erst seit einiger Zeit anfangen, die 
Unterdrückung im eigenen Land in 
weltweiten Zusammenhängen zu se¬ 
hen, sind der Imperialismus und die 
ihn erzeugenden Profitinteressen 
nichts neues. Die Frage, die sich seit 
seinem Bestehen stellt, ist, wie es über¬ 
haupt möglich ist, daß breite Massen 
das blutige Spiel des Imperialismus 
mitspielen. Nicht das Kapitalmteresse 
i ist der Skandal, sondern die Loyalität 
der Bevölkerung gegenüber dem Sy¬ 
stem! Es wäre naiv zu glauben, es be¬ 
dürfte nur der Aufklärung über Zu¬ 
sammenhänge zwischen der Ausbeu¬ 
tung am eigenen Arbeitsplatz und dem 
Völkermord in der Dritten Welt o.ä., 
um die Massen gegen den Imperialis¬ 
mus zu mobilisieren. Die Aufklärung 
kommt immer schon zu spät! Sie trifft 
auf Individuen, deren Charakterstruk- 
i turen in einem Sozialisationsprozeß 
geformt wurden, der vor jeder „politi¬ 
schen Entscheidung“ an setzt. Wenn 


. 

■ iipi 


«SSW* i 

drückende Sexualmoral durchbre¬ 
chen; in der Fabrik: Absentismus und 
Sabotage; in jedem von der Tausch¬ 
wertlogik befreiten Akt: Kaufhaus¬ 
diebstahl ist Antiimperialismus! Das 
System wird nur zerbrochen werden 
können, wenn ihm die Untertanen ent¬ 
zogen werden. Das Problem ist nicht 
die Nato, sondern die Tatsache, daß 
Leute bereit sind, als Soldaten für die 
Nato zu kämpfen 1 Die imperialistische 
Rolle der Nato aufzudecken kann für 
j uns nur eine nebenbei zu erledigende 
Aufgabe sein. Unsere Fragestellungen 
dürfen sich nicht auf der Ebene des of¬ 
fiziellen Politikverständnisses abspie¬ 
len: Wer ist der Hauptfeind? Wer ist 
aggressiver: Nato oder Warschauer 
Pakt? Nicht nur weil auf dieser Ebene 
die Mehrheit der Bevölkerung sich be¬ 
reits für die Antworten der Massenme¬ 
dien entschieden hat, sondern auch 
weil sich hiei unversehens der Zynis¬ 
mus einschleicht: historische Rolle der 
UdSSR, immerhin aus großer Revolu¬ 
tion entstanden etc. Auf einmal sind 
die dem Sowietsystem unterworfenen 
Menschen im politischen Denken ver¬ 
gessen. Der Kampf gegen Unter¬ 
drückung kennt weder Kalkül noch 
Himmelsrichtungen, er ist in Ost und C 
West derselbe. Und er hat dort anzu-. 
setzen, wo Herrschaft entsteht und er¬ 
fahren wird: im Alltag. Dort, wo es 
sich entscheidet, ob die Leute mitspie¬ 


len oder sich auf lehnen. (Daß der 
Kampf dann anükapitali tisch und an¬ 
tiimperialistisch ist. versteht sich von 
selbst.) Die Unerträglichkeit des kapi¬ 
talistischen Alltags hat unsere Revolte 
auf den Weg geschickt, lassen wir sie 
nicht in die historischen Abwässer der 
Berufsrevolutionäre kanalisieren. 

Wir sind dabei, uns umzuorientieren. 
Die Häuser, deren Besetzung Aus¬ 
drucksform unserer Bewegung war 
und ist, sind für einige zum Fetisch ge¬ 
worden. Die meisten jedoch haben an¬ 
dere Inhalte in den Kampf einbezo¬ 
gen. Wenn diese Inhalte zu straighten 
und dogmatischen Politik formen füh¬ 
ren, besiegeln wir selbst das Ende der 
Bewegung. Aber die Form gehört zum 
Inhalt dazu. Wenn wir die Inhalte 
richtig bestimmen, können sie nicht 
Gegenstand von Kaderpolitik auf der 
einen Seite und Grund von Bewe¬ 
gungsmüdigkeit auf der anderen Seite 
• werden. Nehmen wir die 
Vorbereitungs-VV’s zü Reagan als 
Ansatz, in eine Diskussion über Inhal¬ 
te in der Anti-Kriegsbewegung zu 
kommen. Aber lassen wir die Fangar¬ 
me der Organisationen ins Leere grei¬ 
fen! Wir brauchen Strukturen, durch 
die Kontinuität und Koordination von 
Diskussionen und Aktivitäten möglich 
sind. Wir können Diskussions- und 
Thesenpapiere zirkulieren lassen, ver¬ 
stärkt die vorhandenen Zeitungen, 
Schwarzer Kana!, radi etc. benutzen, 
vielleicht das Itjfo wieder beleben; bil¬ 
den wir Aktions- und Arbeitsgruppen, 
diskutieren wir auf den VV*s inhaltli¬ 
cher (ohne VV’s zu wöchentlichen 
t Einrichtungen zu machen — dann 
kommen bald nur noch dieselben). Es 
wird immer viele Sachen zu organisie¬ 
ren geben. Aber belassen wir es bei 
,den Sachen in puncto Organisation! 
Fangen wir nicht an, uns selber zu or¬ 
ganisieren (um dann zu Diener „der 

Bill 


■I Sache“ machen zu lassen)! Lieber 
* Sandkorn im Getriebe der Macht 
Öltropfen im Revolutionsappärat! j 
tu K.Ätzer 















»llllll«! 


^Das Xaben ist: anatchfsch — wrÄ'm l/enuikn prakvt«>»«f öfencmie w^| 

^gsnsoitigw Scußit ouS^orckim, 

Ocfer es hört om£ f '-WkMTi mz Ijepz mtJniifa&gr fyhJtm 

„.. . „ wifweiyih üitol afMfi, 

~^> HlthtlSS Wi® tm awa«foib'j<3i<s Xefiens^tpiZW WTmit- 

kamp^UaH piiur mähr bSkiü- t<Ä»/ 

«t*ganKl&fk. db awihi^VIlsnlsjlw 
te^ÄT"!^SHSiSkI^1l 5.U.ik aufamyn. 

ir (+-l'Po(to) tu (jttiakn fc*I 

Klaus Sf'ei'niiMen/ l 'EV" 

^ ,,rt Ä13ö Ist* 


Michel Foucault: 




,N J.ioY!fJ^ USSCHN,TTE AUS 

„MIKROPHYSIK DER MACHT" 

- merve-Verlag Berlin. 1976 

— Zum Gefängnis Attica: 

Man stellt nun natürlich die Frage, was diese Maschine pro- 
h T Z 1 WaS 658 9i9antfeche An,a S e dient und was aus 
mu^H rT t- m 2eitpunkt der Erbauung von Aubu- 
deS Gefa "9"'«« von Philadelphia, die beide als Mo- 
deH für die großen Einsperrungsmaschinen dienten, glaubte 

fende" Men"^ ? etW ® produziert «**: ..rechtschaf- 
fende Menschen. Heute wissen wir (und die Behörden sind 

sich darüber vollkommen im Klaren), daß nichts dergleichen 
proctey^^ Daß, 


es sich schlicht um ein^^Ä^äenäelertrick han- 
' der 'a.'.T ® lgenart '9en Mechanismus, da als ein Kreislauf 
aus ÄJT“ fUnkti ° niert: die Gesellschaft son^t 
zerbricht , H*“* 6 ' nS Gefangnis «eckt, die das Gefängnis 
ma^zerbrachen am *' pb V s l* cb ausmerzt; und wenn sie ein- 
inrlom ochen worden sind, sondert das Gefängnis sie aus 

srss* “^f h “ r “äs: 

ainT.l " w “ d ' * ins Gefängnis steck,..” 

mit d JSSSlSri-’, k ? das d °«*»*dfee Spiel 

Welt trennen , H 6 " 6 ’ we che das Gefängnis von der Außen- 
jede der Pin i",/ 6 " 6 ' We,Che innerhalb d <* Gefängnisses 
eueren beS^" n°" *" a " dere " kennen. Was die 

wr^Ä^,f tter an d , en T ° ren ' s ° wn ^ «* 

rechtfertigen- dTr* i?"h T* Gefan S ni «heoretiker diese 
(NatürLh’i," 6 Gesel,schaft muß geschützt werden. 

m z : “ “»« rö6K " 

»ndmn “ S“'” n de " ''dtodfeb« ausgeh«,. 

denen die ri; I 9 ’ k * unsersnoter >, Ausbeutung und all 
Wenn also die ^ aus,ösen ' aber lassen wir das...) 
könnte mJn G,tter ei "mal durchschritten sind 

Gefangenen 3rte "' e,nen 0rt vorzufinden, an dem die 
vor dem r 2 3S G8rne inschaftsleben, an eine Achtung 

werden NuiT m/" T* Rechtsausübun g usw. „readaptiert" 
erden Nun, man erkennt stattdessen. daß der Ort an derr 

der o! ? n " bis Stunden täglich vertrinken' 

SÄÄ“* lhr bmwSm.ein C 

Seite vollkamm ' S * ^ MeTer m el 1,5 Meter, auf einer 

wo“e tSSTu^nT', DSr 0n -‘" dem sie 

ihre Notrinrft ? ,esen ’ wo sie sich ausziehen und 

H urf * verr, chten f ist ein Käfig für wüde Tiere Und 

denlfe'rdacht 6 da!Td He R Ch . elei des Gef ängnisses. Man hat 
sieh»- , . daß der Re S ieru r^sbeauftragte, der die Be¬ 
den P^!] 9 t' tet ’ w ’ rk *' cb mnerlich kiche-n muß Man hat 

sagen wde- l< *ihr tab? ” ^ "" “" d ««* - - •««» 

gen wie. „ihr habt uns Rauher und Mörder überoeben 

uns wir *"? BeStien hie,tet; lhr verlangtet von 

ri» ’ ü? aus ,hnen auf der anderen Seite der Gitter 
ffi euch schützen, zahme Lämmer machen; aber es cibt kei’ 
nen Grund, warum wir die WÄCHTER h» r - 9 
»n Rech, „nä Otthtum," ^JKSSfiÄTSS 
um) eurer Vorurteile, sie nicht für wilde Se^en S 

nd mit euch idenS; wi 

den hinter Gittern , Wenn Sle dies Sut gelernt haben wer- 
Oer einztofw * T ** ZU ® uch zumckschicken. 

»-«tamSS^SS tohSSsr- DrillsvsKm 

ä.nlthkunn.di.-Rlriy 1 "' 8 Ak, “" ld “ Or. 







TEILERFOLG GEGEN ANSTALTSLEITUNG 
betr,: Schwarzer Faden Nr. 1 + 2 


JVA: 

„§ 68 Abs. 2, Satz 2 StVollzG besagt, daß dem Gefangenen 
einzelne Ausgaben oder Teile von Zeitungen oder Zeitschrif¬ 
ten vorenthalten werden können, wenn sie das Ziel des 
Vollzuges oder die Sicherheit und Ordnung der Anstalt er¬ 
heblich gefährden würden. 

Wie sich aus den Seiten 30 ff beiliegender Nr. 1 der an¬ 
gehaltenen Zeitschrift ergibt, soll neben der physischen Be¬ 
einträchtigung insbesondere die psychische Umfunktionie¬ 
rung des Inhaftierten, bishin zu dessen Vernichtung, Ziel 
des Strafvollzugs sein. Auf Seiten 4 ff der Nr. 2 obiger 
Ausgaben wird unmißverständlich zum Kampf gegen den 
Staat und dessen Rechtsordnung aufgerufen. 

Durch das zugesandte Schriftgut sollte Straßer in seiner 
ablehnenden Haltung gegen die Anstaltsleitung bestärkt 
werden. Aus dem Inhalt dieser Zeitschriften ist zweifels¬ 
ohne eine Ablehnung des freiheitlich-demokratischen 
I Rechtsstaates erkennbar. Bereits das Deckblatt dieser Pub- 
! likation spricht für sich: deutlich sichtbar bezeichnet sie 
sich als anarchistische Vierteljähresschrift Durch eine de¬ 
struktive Protesthaltung soll der Gefangene insbesondere 
dazu animiert werden, die bestehende Anstaltsordnung zu 
ignorieren, um so verstärkt einen Autoritätsabbau im 
Strafvollzug zu fördern. Mittels terroristischer Parolen 
(so schnell geht's — sf-redaktion) sowie agitatorischer An¬ 
griffe gegen die Rechtsstaatlichkeit soll der Antragsteller 
,,aufgeheizt" werden. (...) 

Nach Entfernung des tendenziösen Artikels „Knastar¬ 
chitektur — die Suche nach dem 'richtigen' Vernichtungs- 
bau" (inzwischen als Broschüre im TROTZDEM-VERLAG 
nachgedruckt - sf-redaktion) wurde die gegenständliche an¬ 
archistische Vierteljahresschrift Nr. 1 des Magazins „Schwar¬ 
zer Faden" dem Strafgefangenen Gottfried Straßer ausge¬ 
händigt. (...)" 

Gottfried Straßer: 

1. Der Bezug der Vierteljahresschrift „Der schwarze Faden" 

wird gestattet 

2. Soweit diese Zeitschrift bisher .aufgehalten wurde, wer¬ 
den die Anhaltungen aufgehoben. 

3. Die Kosten des Verfahrens... trägt die Staatskasse. 

Landgericht Regensburg: 

(...) Der Antrag, die Anhalteverfügung bezüglich der Seiten 
29-38 aufzuheben, ist nicht begründet. ... Schon die For¬ 
mulierung des Titels: „Knastarchitektur — die Suche nach 
dem 'richtigen' Vernichtungsbau" zeigt, daß eine sachliche 
Auseinandersetzung nicht beabsichtigt ist. So wird schon 
im ersten Satz ausgeführt, daß die Geschichte der Gefäng¬ 
nisse, — des Strafvollzuges überhaupt — eine Geschichte der 
Entwicklung und Erforschung baulicher und sozialer Tech¬ 
niken zur Bestrafung, Disziplinierung und Überwachung der 
Unterdrückten und Beleidigten ist. Eine Wiedergabe der 
Formulierungen und der Darstellungen im einzelnen verbie¬ 
tet sich, weil sonst der Zweck der Vorenthaltung nicht er¬ 
reicht werden könnte. Die Überlassung des beanstandeten 
Artikels an den Antragsteller würde die Anstaltsordnung 
erheblich gefährden. ... Es ist damit zu rechnen, daß der 
Artikel anderen Gefangenen vor Augen kommt. Diese 
können in einer eventuellen Widerstandshaltung gegenüber 
dem Strafvollzug bestärkt werden, was die Ordnung der 
Anstalt erheblich gefährden würde. Eine Verbreitung des 
Artikels könnte zu einer außerordentlichen Unruhe in der 
Anstalt führen.... 

(...) Soweit in dieser Änhalteverfügung zusätzlich ent¬ 
schieden worden ist, daß dem Antragsteller das Magazin 



® ep Pranger in England. j 

Tm Hintergrund öffentl. Stäupung. | 

„Der schwarze Faden" in Zukunft vorenthalten wird, ist ’ 
der hiergegen gerichtete Antrag zulässig. (_.) Die Ableh- ! 
nung der Bezugsgenehmigung kann nicht auf den Inhalt 1 
einer Zeitschrift gestützt werden, da diese Begründung ledig- ! 
lieh für die Fälle des § 68 Abs. 2 StVollzG zulässig ist. Es ist i 
nicht ersichtlich, daß die Verbreitung des Magazins im Sin- I 
ne des § 68 Abs. 2. Satz 1 StVollzG mit Strafe oder Geld- i 
büße bedroht ist. In allen anderen Fällen kann der geregelte ’ 
Bezug einer Zeitschrift nur ausgeschlossen werden, weil er ! 
den „angemessenen Umfang" im Sinne des § 68 Abs T 
überschreitet. („.)" ' '* j 

! 

Und zum Schluß gibt das Landgericht der JVA noch einen ! 
Tip, wie das lästige Problem eleganter zu lösen wäre: i 

„Dabei darf die Vollzugsbehörde berücksichtigen, daß 
die Gestattung weiterer Zeitungen und Zeitschriften nicht 
nur eine ms Gewicht fallende Erschwernis der inhaltlichen 
Kontrolle des Schriftguts mit sich brächte, sondern auch die 
Übersichtlichkeit des Haftraums beeinträchtigen würde, i 
Dies hat das Bundesverfassungsgericht (NSTZ 1982, 132) 
zu Recht der Untersuchungshaft (§ 119 Abs. 3 STPO) ent- - 
schieden.". 


17 






































(Es geht nicht nur um Noam Chmosky in diesem Beitrag 
die Übersetzung aus der englischen FREEDOM erschien 
mir auch nicht seinetwegen interessant, sondern eher weil 
es um die Diskussion geht, ob die heutige Technologie eine 
Basis für eine befreite Gesellschaft sein kann, - ob sie mit 
Selbstverwaltung vereinbar ist. Die Frage nach vertretba¬ 
ren Technologien bzw. ihrer Abschaffung spielt neben der 
Ökologiebewegung auch in der Friedensbewegung eine 
Rolle. Da von anarchistischer Seite bisher lediglich Murray 
Bookchin's Thesen (in „Selbstverwaltung" und in „Hie¬ 
rarchie und Herrschaft") aufgenommen werden, soll 
Pat Flanagans Ansatz die Diskussion verbreitern helfen. Ihr 
Aufsatz bezieht sich auf ein Interview mit Chomsky, das in 
den kommenden beiden Nummern von TRAFIK abge- 
dryckt werden wird! —Wolfgang Haug— 





























Es gibt eine Reihe von Widersprüchen in Noam Choms- 
ky's Arbeiten. Einer liegt darin, daß Chomsky's libertäres, 
soziales Denken konservativ ist, - ganz im Gegensatz dazu, 
daß er zu den führenden Geistern und zu den originellsten, 
tiefschürfensten und revolutionärsten Denkern in der theo¬ 
retischen Linguistik (Sprachwissenschaft), - seinem aka¬ 
demischen Spezialfach - zählt. Die unkritische Behaup¬ 
tung C. P. Oteros, dem Herausgeber von (Chomsky's) „Ra- 
dical Priorities", daß Chomsky möglicherweise der führen¬ 
de Theoretiker des Anarchismus sei, ist schlicht falsch. 

Chomsky selbst ist der erste, der betont, daß seine Schrif¬ 
ten über die zeitgenössische Bedeutung der libertären und 
speziell der anarchosyndikalistischen Ideen, nicht den An¬ 
spruch auf besondere Originalität erheben. Im Gegenteil 
erklärt Chomsky in „The Relevance of Anarcho-Syndika- 
Usm" (Für P. F., die beste, prägnanteste Darlegung von 
Chomsky's Anarchismus in „Hadicat Priorities"): 

„Laßt es mich geradeheraus aussprechen, ich betrach¬ 
te mich wirklich nicht als anarchistischen Denker. Ich bin 
ein zweitrangiger Mitläufer. 

Nur die Tatsache, daß Chomsky selbst sagt, daß er kein 
innovativer (erneuernder) zeitgenössischer Anarchist ist, 
muß nicht heißen, daß er wirklich keiner ist. Trotzdem 
wird jeder, der sich die Mühe machte, seine libertären 
Schriften* zu lesen, die Wahrheit dieser Behauptung bestä¬ 
tigen. Sein Hauptanliegen in den (aufgeführten) Schriften 
ist ausgesprochen zweispurig: 

_ u Libertär-sozialistische und speziell anarchasytv 

dikalistische Ideen und Praktiken zu bewah¬ 
ren und vor dem Vergessen zu schützen ( von 
Seiten der Geschichte und der Unterdrückung, 
Verfälschung und Verdrehung durch prokapita¬ 
listische oder autoritär-marxistische bzw. staats¬ 
sozialistische Ideologen) 

und 

- 2) die zeitgenössische Relevanz oder den Wert der 
Anwendung dieser Ideen und Organisationsfor¬ 
men auf die existierenden kapitalistisch-indu¬ 
striellen „Demokratien" des Westens zu beto¬ 
nen. 

„Ist es notwendig, " fragt er in „The Relevance of Anarcho- 
Syndicalism" (in: „Radical Priorities"), „daß anarchistische 
Konzepte zu der vorindustriellen Phase der menschlichen 
Gesellschaftsformen gehören, oder ist der Anarchismus 
d i e vernünftige Organisationsmethode für eine wett fort¬ 
geschrittene industrielle Gesellschaft? 

Nun, ich für meinen Teil glaube das letztere, d.h. ich 
denke, daß die Industrialisierung und der Fortschritt der 
Technologie Möglichkeiten für Selbstverwaltung auf brei¬ 
ter Ebene schaffen, wie sie in früheren Perioden einfach 
nicht existierten und daß dies tatsächlich die vernünftigste 
Methode für eine fortgeschrittene Industriegesellschaft ist; 
eine, in der die Arbeiter sowohl die Kontrolle über ihre un¬ 
mittelbaren Angelegenheiten bekommen, d.h. die Leitung 
und Kontrolle des Betriebs, als auch, daß sie selbstständige 
Entscheidungen treffen können, die die Struktur der Öko¬ 
nomie, die sozialen Institutionen, die Regionalplanung usw. 
btreffen... 


Anmerkung: 

•Begonnen mit der Abhandlung zum Spanischen Bürgerkrieg in 
„Amerika und die neuen Mandarine" (1969, Suhrkamp Verlag}; 
teilweise auch in „Die Verantwortlichkeit der Intellektuellen" 
(1971, Suhrkamp Verlag), der Einleitung zu Daniel Guerin's „An 
archismus" (1967, Suhrkamp Verlag); im deutschen fehlt Choms¬ 
ky's Vorwort; es findet sich in „Aus Staatsräson" von Noam Choms¬ 
ky (1974, suhrkampt Verlag), der zweiten seiner Rüssel-Vorlesun¬ 
gen „Über Erkenntnis und Freiheit" (1973, Surhkamp Verlag) und 
der „Radical Priorities”. 


Ein Großteil kann automatisiert werden. Vieles von der 
notwendigen Arbeit, die benötigt wird um einen annehm¬ 
baren Stand des sozialen Lebens aufrecht zu erhalten, kann 
Maschinen übertragen werden, — wenigstens im Prinzip —; 
dies bedeutet, daß die Menschen frei für kreative Arbeit sein 
können, die objektiv in frühen Stufen der industriellen Re¬ 
volution nicht möglich war." 

In einem tieferen Sinn setzt Chomsky's Glaube an die 
vorteilhaften Kräfte angewandter Wissenschaft und Tech¬ 
nologie, die den Menschen von entfremdeter Arbeit befrei¬ 
en und ihm das kreative und befriedigende Schaffen für 
sich selbst erlauben, einfach das marxistische Denken des 
19. Jahrhunderts und das anarchosyndikalistische Denken 
des 20. Jahrhunderts fort. Marx' Behauptung im KAPITAL, 
daß unentfremdete, frei-kreative Arbeit für sich selbst nur 
auf der Basis der vollen Entwicklung der Produktivkräfte 
des Kapitalismus möglich ist und seine Überlegungen in den 
GRUNDRISSEN zum befreienden Charakter der Automa¬ 
tion, werden in der anarchosyndikalistischen I radition wer¬ 
tergetragen. 

In den Schriften Rudolf Rocker's zum Beispiel, einem 
führenden anarchosyndikalistischen Autor, Aktivisten und 
Historiker, finden sich gleichzeitig eine Kritik an den läh¬ 
menden, entmenschlichenden und mechanischen Auswir¬ 



kungen der Maschinen-Dominanz und der Ausbeutung der 
Menschen im kapitalistischen Arbeitsprozeß wie ein Be¬ 
harren auf dem befreienden Wert moderner technologischer 
Erneuerungen in Industrie und Wissenschaft, wenn sie frei¬ 
heitlich-sozialistischer Bestimmung dienen. Trotz der ge¬ 
genwärtigen Verwendung der Maschinen und hochentwik- 
keften Technologien durch diejenigen, die sie besitzen und 
die die existierende Ökonomie und staatlichen Institutionen 
dazu benutzen, ihre-Herrschaft, Ausbeutung und Kontrolle 
über den Rest der Gesellschaft zu erweitern, sind sowohl 
Chomsky wie Rocker einig in ihrem optimistischen Glauben 
in die nützlichen Möglichkeiten einer Maschinen-Technolo- 
gie, insofern sie richtig genutzt werden. 

Es würde weit über diesen Artikel hinausgehen, den 
grundlegenden Einfluß des Anarchosyndikalismus allgemein 
und Rudolf Rocker's im besonderen auf Chomsky's Denken 
zu verfolgen. (Viele Begriffe Chomsky's, z.B.der Gebrauch 
von Bezeichnungen wie „Staatssozialismus" und „Staats- 


ie 















Kapitalismus zur Beschreibung der Sowjetunion und der 
USA, scheinen bei Rocker entlehnt.) In gewissem Sinn ist 
seine Kritik an der 'technischen Intelligenz' oder den Spit- 
zentechnikern, die der Gesellschafts- und Staatsmacht so¬ 
wohl in wesentlich kapitalistischen wie in staatssozialisti- r 
sehen Gesellschaften dienen, nichts anderes als ein moder- 
nisierter Rocker oder Bakunin... 

Den folgenden Teil des Artikels will ich aber lieber der 
kritischen Untersuchung der Frage widmen, ob Chomsky's 
Anspruch angebracht ist, daß die anarchosyndikalistischen 
Ideen und Konzepte für eine heutige westliche kapitalisti¬ 
sche Industriegesellschaft bedeutsam oder wertvoll seien. • 
(Indem ich dies versuche, setze ich ein Hintergrundwissen \ 
an freiheitlich-sozialistischen und anarchosyndikalistischen 
Traditionen voraus und abstrahiere von der gleichermaßen ; 
wichtigen Frage, ob die anarchosyndikalistischen Ideen / : 

Konzepte dem Ziel einer libertären, sozialistischen Gesell- ^ 
Schaftsordnung genügend entsprechen.) Ist der Anarcho- 
Syndikalismus, wie er von Chomsky beschrieben wird, „die 
vernünftige Organisationsmethode einer hochentwickelten 
Industriegesellschaft? Vergrößert die Industrialisierung 
und der technologische Fortschritt die Möglichkeiten der 
SELBSTVERWALTUNG auf breiter Ebene...?" Ist Choms- Ä;: 




} ky's Glaube an die befreiende Kraft und den Nutzen der % 
I modernen Technologie gerechtfertigt? 

Ich versuche zu belegen, daß dem nicht so ist Wenn es 
jemals einen Bereich gegeben hat, in dem nicht Wunsch 
sondern illusionsioses Denken und Verstehen notwendig 
war, dann dort, wo es sich um das Verhältnis von ange¬ 
wandter Wissenschaft, Maschinentechnologie und mensch¬ 
licher Befreiung handelt 

Für den Anarchosyndikalisten ist Sozialismus im wesent¬ 
lichen identisch mit „ökonomischer Demokratie" (d. h. Be¬ 
sitz, Management und Kontrolle in der Hand der Arbeiter), 
Während sie jede „politische" Form von Partei, Staat oder 
bürokratischer Regierung als unnötig und nicht wünschens¬ 
wert ablehnen,... betrachten Anarchosyndikalisten die 
SELBSTVERWALTUNG in jedem Bereich der Arbeit als 
den Schlüssel und den Mittelpunkt einer freiheitlich-sozia¬ 
listischen Gesellschaft. (Lenin's Irrtum in „Der iinke Radi¬ 
kalismus, die Kinderkrankheit des Kommunismus" und an¬ 
deren Polemiken gegen Anarchosyndikalisten und Links¬ 
kommunisten bestand darin, daß er bestehende antiliber¬ 
täre reformistische und bürokratisch-koilaborierende Ge¬ 
werkschaftsformen mit der echten Form von direkter Ar¬ 
beiterselbstverwaltung im Arbeitsbereich vermischte.) 

Für imich steht nicht der Wert der Ideale oder Ziele einer 
„ökonomischen Demokratie" wie sie von Chomsky mitver¬ 
treten wird in Frage. Es geht vielmehr um das Problem, ob 
existierende Methoden, Herangehensweisen und Entwick¬ 
lungen von angewandter Wissenschaft und Maschinentech¬ 
nologie im Arbeitsbereich prinzipiell mit diesen Zielen über¬ 
einstimmen... 

Was ich herausarbeiten möchte ist, daß die existierende 
Maschinentechnologie grundsätzlich weit davon entfernt 
ist, für eine direkte Arbeitserselbstverwaltung verwendbar 
zu sein, ja, daß sie für anarchosyndikalistische Ziele gerade¬ 
zu unbrauchbar ist. Weit davon entfernt den Menschen zu 
befreien, sind die bestehenden technischen und technologi- - 



sehen Trends in der Industrie grundlegend autoritär und qe- 
genrevolutionär. 

Was sind das für Trends? Sie werden von so verschiede¬ 
nen Autoren, wie den Mitgliedern der Frankfurter Schule 
oder von Lewis Mumford, Norman Maller und Jacques 
EI lu I gut beschrieben: 

1) Immer größere Zerstückelung und Spezialisierung des Ar¬ 
beitsprozesses in allen Bereichen. 

2) eine konsequente Trennung und Lähmung von geistiger 
und körperlicher Kreativität des Menschen 

3} immer weitergehende Ersetzung und Verdrängung des 
Menschen durch immer kompliziertere und raffiniertere 
Maschinen und Techniken 

4} der vollständige Besitz und das Monopol auf das techno- 
logische Wissen das gebraucht wird, um diese Maschinen 
zu bedienen, in den Händen einer elitären Minderheit, 

Das Ergebnis diesem Trends ist ein bestimmter, gut veran- 
kerter technologischer Totalitarismus*: diejenigen mensch¬ 
lichen Arbeitskräfte, die nicht durch Maschinen ersetzt oder 
verdrängt werden, werden zunehmend auf zwei Kategorien 
beschrankt: funktionierende elitäre Spitzentechniker oder 
machtlose Opfersklaven des technologischen Fortschritts 
(der von Chomsky so günstig beurteilt wird). Meine rein auf 
Erfahrungen gestützte Behauptung ist, daß diese Trends mit 
Selbstorgamsation und Produktionskontrolle durch die heu- 
tige Belegschaft in unseren westlich-kapitalistischen Gesell¬ 
schaften bei weitem nicht vereinbar sind, sondern eine ge¬ 
wünschte Praxis betrieblicher Demokratie verunmöglichen. 

$ gibt einen grundlegenden Widerspruch zwischen den Be¬ 
dingungen der Existenz und Nutzung von moderner ange¬ 
wandter Wissenschaft, Maschinentechnologie und den Be¬ 
dingungen für die Möglichkeit einer direkten Arbeiterkon- 
trolle und SELBSTVERWALTUNG. 




















Im Nachklang auf die (damals) modernen Kriegfüh¬ 
rungsmethoden des Spanischen Bürgerkriegs, schreibt und 
argumentiert George Orwell, daß eine zweifache tiefgreifen¬ 
de Verwandtschaft bestand: auf der einen Seite zwischen 
der Einfachheit und der demokratischen Nutzung der Waf¬ 
fen und auf der anderen Seite zwischen einer hochqualifi¬ 
zierten Komplexität einer autoritären Kontrolle. Oder an¬ 
ders ausgedrückt: Demokratie und maschinentechnologi¬ 
sche Komplexität verhalten sich umgekehrt proportional 
zueinander. Je einfacher und handhabbarer die Waffensy¬ 
steme, desto größer sind die Aussichten auf ihren demo¬ 
kratischen Gebrauch. Je technologischer, je komplexer, 
desto wahrscheinlicher wird ihr elitärer, autoritärer und an¬ 
tidemokratischer Gebrauch. Bemerkenswert ist, daß Or- 
wells Argumentation nicht auf den Mißbrauch {das im 
Prinzip Vermeidbare) bestimmter technischer Mittel ab¬ 
zielt. Ähnlich wie die Argumentation von Mumford oder 
Ellul ist es eine auf Erfahrung basierende Argumentation, 
die auf der autoritären und antidemokratischen Logik der 
Existenz und dem Gebrauch moderner maschineller Metho¬ 
den aufbaut. Ich befürchte, daß Orwell recht hatte, und 
daß seine Argumentation verallgemeinert und auf die ka¬ 
pitalistische Industrie insgesamt angewendet werden kann. 

(Daraus wird, nebenbei bemerkt, klar, daß indem En¬ 
zensberger diese grundlegenden Eigenschaften moderner 
Technologie ignoriert, seine in der Arbeit über BEWUSST¬ 
SEINSINDUSTRIE unternommenen Versuche zu belegen, 
daß moderne technische Mittel der Massenkommunika¬ 
tion einen demokratisch-revolutionären Charakter haben, 
hinfällig werden. Genau das Gegenteil dürfte wahr sein.) 

Von Beginn an nimmt Chomsky's naiver Glaube an die 
befreienden Möglichkeiten von moderner angewandter 
Wissenschaft und Maschinentechnologie eine unhaltbare 
TRennung zwischen den MITTELN und den ZIELEN der 
maschinell-technologischen Nutzung vor. Ähnlich wie 
Marx legt diese Kritik an den gefährlichen Auswirkungen 
kapitalistischer Produktionsmethoden nahe, daß eine, be¬ 
stimmte technologische Methode auch - unverändert ~~ 
angewendet werden kann, um befreiende libertäre Ziele 
zu verwirklichen; in unserem Fall, um direkte Arbeiter¬ 
kontrolle und Selbstverwaltung des Arbeitsprozesses zu 
realisieren. Natürlich ist dies in einem oberflächlichen Sinn 
wahr. Heutige Produktionsmittel können dazu benutzt 
werden, Nahrung, Medizin, Bücher und andere nützliche 
Produkte für die Armen und Unterprivilegierten der Welt 
herzüstellen, anstatt Rüstungsgüter und alltägliche Kon¬ 
sumdrogen. Aber im radikalen Sinn ist es eine unhaltbare 
Mystifikation anzunehmen, daß irgendein technologisches 
System in irgendeinem Zweig der Industrie einfach als neu¬ 
trales Mittel behandelt werden kann, das zum guten oder 
schlechten, zum libertären oder antilibertären Zweck {ei¬ 
ne dazugehörige Aneignung und Kontrolle vorausgesetzt) 
angewendet werden kann. In Wahrheit stellt nahezu jeder 
Bereich moderner Maschinentechnologie — Computer 
oder automatisierte Prozesse aller Art sind die Paradebei¬ 
spiele — ein mehr oder weniger komplexes und speziali¬ 
siertes System dar (eine nicht auseinanderdividierbare Ein¬ 
heit von Mittel und Ziel); mit entsprechenden als „natür¬ 
lich" eingebauten Bedingungen für die Existenz, die Arbeit 
und deren Auswirkungen. Diese erwähnten Trends und Aus¬ 
wirkungen sind auch als „selbstverständlich" in die „natür¬ 
lich notwendigen" Produkte existierender moderner Tech¬ 
niken und Prozesse der Arbeitswelt eingebaut Um zu re¬ 
kapitulieren: Von diesen Auswirkungen liegt die wichtigste 
darin, daß die Belegschaft in eine kleine Elite kollabori^ 
render Techniker (deren Macht und Privilegien sich direkt 
aus ihrem Monopolbesitz an theoretischer und praktischer 
Wissenschaft und technischem Know-How ableiten.) und 
«n eine machtlose verbleibende Mehrheit von Massenarbei¬ 
tern und Arbeitslosen aufgeteilt ist. n 


Bis jetzt habe ich meine Bemerkungen bewußt begrenzt 
als Kritik an Chomsky's naivem Optimismus für die befrei¬ 
enden Möglichkeiten einer modernen Technologie mit der 
anarchosyndikalistischen Zielen gedient oder solche erreicht 
werden sollen. In Übereinstimmung mit den Grundvorstel¬ 
lungen und Überzeugungsinhalten dieser Tradition sollen sie 
in der Arbeitswelt, speziell in der modernen Industrie, er¬ 
reicht werden. Wenn Chomsky's Ansatz, der auf dem Glau¬ 





ben in die Bedeutung und den Wert des Anarchosyndika¬ 
lismus beruht, in der Industriesphäre scheitert, dann schei¬ 
tert er auch hinsichtlich der verbleibenden Institutionen 
und Zusammenhänge westlich-kapitalistischer „Demokra¬ 
tien". Wie Ellul und andere gezeigt haben, setzen sich die 
technologisch-totalitären Trends und die grundlegend anti¬ 
freiheitlichen Auswirkungen, die ich in Bezug auf die Öko¬ 
nomie angesprochen habe, auch im Bereich der Funk¬ 
tionsweise bestehender staatlicher Institutionen, der Frei¬ 
zeit- und Konsumbereiche... kurz in unserer gesamten Ge¬ 
sellschaft durch. {...') 

In Kapitel 20 von „Radlcal Priorities" zeigt auch Choms¬ 
ky, daß er sich der elitären Macht und antidemokratischen 
Rolle der wissenschaftlichen und technischen Intelligenz 
in der Struktur der modernen Ökonomie und dar Staats¬ 
geschäfte bewußt ist. 

„Keine Bewegung für eine soziale Veränderung kann 
hoffen ihr Ziel zu erreichen, bevor sie nicht selbst die wei¬ 
testgehenden intellektuellen und technischen Errungen¬ 
schaften stellt und bevor sie nicht in den Bevölkerungs¬ 
schichten verankert ist, die in jedem Bereich die produkti¬ 
ve und kreative Arbeit machen." 

Wie Chomsky denke ich, ist die entscheidende offene 
Frage, ob die Bewegung für eine freiheitlich-soziaiistische 
Veränderung, in tatsächlicher Praxis „normale" intellektuel¬ 
le Spitzentechniker von ihrem geistlosen Arbeiten für Ge¬ 
meinde und Staatsmacht abbringen und zu einem Arbeiten 
für die freiheitlich-soziale Veränderung bringen kann. 
Worauf ich aber bestehe ist a) daß diese „normalen" Spit¬ 
zentechniker aufgrund der bestehenden Technologie 
so „normal" sind und konsequenterweise b) daß ohne eine 
radikale Verwerfung des bestehenden „technischen Tota¬ 
litarismus" weder die „normalen" Mitglieder der techni¬ 
schen Intelligenz, noch die bereits überzeugten Anarcho¬ 
syndikalisten noch sonst irgendjemand eine libertäre Ver¬ 
änderung erreichen können werden. 

Ich bin keine vom Wunschdenken durchdrungene Ro¬ 
mantikerin (so sehr ich all diese moderne Maschinentech¬ 
nologie für ihre lähmenden und entmenschlichenden Aus¬ 
wirkungen hasse) was die,kurzfristigen Möglichkeiten an¬ 
belangt, die bestehenden technologischen Trends umzukeh¬ 
ren, oder die Fähigkeit der Menschen, die westlich-kapitali¬ 
stischen Gesellschaften auf eine vernünftigere Weise umzu¬ 
organisieren, die - einfach gesagt - eine direktere Bezie¬ 
hung zwischen den Menschen und zur Natur ermöglicht 
Aber genau wie die Hoffnung auf eine Rückkehr zu frühe¬ 
ren industriellen und sozialen Bindungen eine vom Wunsch¬ 
denken^erzeugte Illusion ist, so ist dies Chomsky's Glaube 
an die Möglichkeit, heutige Maschinentechnologie für anar- 
chosyndikalistische Ziele verwertbar zu machen. Anarchi- 
sten können keine Illusionen mehr haben. Der einzig ra- 
■ *'°. na ! e Standpunkt ist, zu versuchen, die eigenen libertären 
Prinzipien völlig kompromißlos zu praktizieren... 

! _ ■§» ■» 




„Einer für alle — alle für einen." Nicht nur bei Gewerkschaften ist dieser Wahlspruch seitdem Fall Neue Heimat fragwür¬ 
dig geworden. „Westfleisch", der genossenschaftliche Super-Schlachthof vor den Toren Hamms fördert nach Ansicht seiner 
Kritiker Ajparfabriken und überschwemmt den Markt mit industriell produzierter Massenware — zum Nachteil von Bauern 
und Verbrauchern. 

Doch inzwischen regt sich unter den Bauern Widerstand. Der agrarpolitische Arbeitskreis der Westf. Lipp. Landjugend 
(WLL) veranstaltete eine vielbeachtete Podiumsdiskussion zu diesem Problem und denkt über Alternativen nach. Lassen 
wir zunächst die Etappen, in denen es zu dem Konflikt gekommen ist, chronologisch ablaufen. 




1. Lebendvermarktung — Überschaubarkeit 

„Von den gesamten gewerblichen Schlachtungen an Schwei¬ 
nen wurden 19Ö4/55 4t,2 % auf Groß- und Schlachtvieh¬ 
märkten lebend aufgetrieben, 1975/76 waren es nur noch 
8,9 %" (1) Zahlreiche in Verbrauchernähe stattfindende de¬ 
zentrale Lebendviehmärkte spiegelten vor ca. 20 Jahren für 
Jedermann einsahbar und unverfälscht das Marktgesdjehen 
wider: Angebot und Nachfrage regelten den Preis. Sog. 
„Agenten" bekamen von den Bauern den Auftrag, das Vieh 
zum höchstmöglichsten Preis an die dortigen Metzger zu 
verkaufen. Das Mittel der Preise bildete die amtliche No¬ 
tierung, nach der man sich auch außerhalb der wöchent¬ 
lichen Auftriebe richten konnte. Die Metzger schlachteten 
die gekauften Schweine in kommunalen Schlachthöfen, die 
in jeder Stadt vorhanden waren. Der Vorteil der Lebendver¬ 
marktung liegt darin, daß — im Gegensatz zur Totvermark¬ 
tung — der Bauer die volle Kontrolle über seine Produkte 
behält, indem er bei der Preisfindung für seine Tiere an Ort 
und Stelle mitreden kann. Was wie eine Selbstverständlich¬ 
keit klingt, ist heute längst nicht mehr der Fall. 

2. Durch Anpassung zum 
zweifelhaften Erfolg 

Vor folgendem Hintergrund kam es zur Änderung der Kon¬ 
zeption der genossenschaftlichen Vieh- und Fleischvermark¬ 
tung: „In marktfernen Gebieten, vor allem in Schleswig- 
Holstein, entstanden leistungsstarke Versandschlachthöfe. 
Sie waren in der Lage, auf Abruf die Großformen des Le¬ 
bensmittelhandels (Supermarktketten und Wurstfabriken, 
d. Verf.) an Rhein und Ruhr rasch und ausreichend mit gro¬ 
ßen Fleischpartien einheitlicher Qualität zu beliefern. Mit 
der Entwicklung der Transport- und Kühltechnik konnte 
schon über geringe Entfernungen hinweg Fleisch kosten¬ 
günstiger als lebende Tiere befördert werden. Die Hansalinie 
wurde zu einer „Fleischschiene" mit Einbahnverkehr in 
Richtung Süden. In Westfalen-Lippe fand demgegenüber in 
den sechziger Jahren Schlachtvieh über unzählige Kanäle 
seinen Absatz. Sie waren für die wachsende Produktion zu 
eng geworden. (...) Die genossenschaftliche Vermarktung 
war durch eine Vielzahl von Ortsgenossenschaften gekenn¬ 
zeichnet, (...). Das zersplitterte Angebot und die geringen 
Kapitalbildungsmögiichkeiten der genossenschaftlichen Ver¬ 
marktung machten neue Initiativen erforderlich." (2) 


Die Ziele für eine moderne Vieh- und Fleischvermark¬ 
tung sahen folglich für den Westfälisch-Li ppischen Land- 
" ^ Kosten für die Erfassung und den Absatz 

möglichst niedrig zu halten, 

2) die Bereitstellung großer Partien einheitlicher 
Qualität zu gewährleisten, und 

3) die Marktposition des genossenschaftlichen 
Vieh- und Fleischangebots zu stärken." (3) 

3. Konsequenz: Zentralisierung 
Durch den sich anbahnenden Strukturwandel mußten 
immer mehr städtische und kleine private Schlachthöfe auf¬ 
geben. Dafür entstanden — vielfach von Steuergeldern sub¬ 
ventionierte — Versandschlachthöfe In den Zentren der 
Schweinemast. So geschah es auch In Westfalen: Ursprüng¬ 
lich existierte hier die Vieh- und Fleischzentrale Westfalen 
eGmbH (VFZ), die als genossenschaftliche Vermarktungsor¬ 
ganisation zusammen mit ihrer Tochter „Provianda" über 
das geschützte Warenzeichen „Westfleisch" verfügt. Die ins¬ 
gesamt 84 örtlichen Genossenschafften waren zwar alle Mit¬ 
glieder der VFZ, konnten aber gleichzeitig Konkurrenten 
der Zentrale sein, weil nur ein bestimmter Teil der Fleisches 
über die VFZ abgesetzt, der andere Teil aber in der betref¬ 
fenden Region selbst vermarktet wurde. 

In den örtlichen Genossenschaften waren die einzelnen 
Bauern Mitglied. Ursprünglich als SelbsthiIfeeinrichtungen 
gegründet, genießt diese Unternehmensform noch hohes 
Ansehen, obwohl durch die abgehobenen Vorstandsent¬ 
scheidungen die Bauern in der Regel keine wirkliche Ent¬ 
scheidungsgewalt mehr haben. 

Mit dem Bau der großen Versa misch lachthöf e in Pader¬ 
born, Lübbecke und Coesfeld hob Westfleisch die relative 
Eigenständigkeit der örtlichen Erzeugungsgemeinschaften 
und Genossenschaften auf und vollzog somit einen tief¬ 
greifenden Strukturwandel. Da durch diese Maßnahmen 
angeblich die Vermarktungsstruktur „nachhaltig verbessert" 
wurde, konnten öffentliche Beihilfen zum Bau der Gro߬ 
schlachthöfe kassiert werden. 

% ^0 wurde sogar noch der 4. Großschlachthof in Hamm- 
Uentrop für ca. 50 Mill. DM gebaut Interessant ist dabei, 
daß eine Genossenschaft, die ja keine Gewinne machen 
darf und zum Wohle ihrer Mitglieder wirken sollte, immer¬ 
hin einen Großteil der 50 Mill. DM für den Großschlachthöf 
ihren Mitgliedern bei den Viehrechnungen abgezogen haben 
muß! 











I ii 1111 Hl WM i - - * 

5. Begünstigung von Agrarfabriken 
und Großbetrieben 

Gerade kleine und mittlere Bauernhöfe sind durch die der¬ 
zeitig praktizierte Agrarpolitik besonders gefährdet. 1970 
gab es noch 1,083 Mt II. Betriebe, 1980 waren es nur noch 
0,797 Milt. (4) Gleichzeitig vergrößerten sich die Einkom¬ 
mensunterschiede enorm. Der Agrarbericht 81 unterteilt 
die Vo If erwerbsbetriebe in 4 Gruppen und stellt das Ein¬ 
kommen des oberen und des unteren Viertels gegenüber. 
Selbst bei diesem statistisch geglätteten Bericht kommt 
heraus, daß das untere Viertel mit nur 7.568 DM pro Jahr 
und Familienarbeitskraft an der Sozialhilfegrenze steht, 
während das obere Viertel mit 57.873 DM das 7,6fache 


4. die Folgen 

- Westfleisch hat ganz Westfalen flächendeckend mit Gro߬ 
schlachthöfen bestückt und verfügt mit über 30% der 
Schlachtungen in diesem Gebiet über eine große Markt 
macht. 

- Die anliefernden Bauern stehen dieser Marktmacht ver¬ 
einzelt gegenüber und büßen an Mitsp racher echt bei der 
Preisfindung ein. 

- Die kleineren kommunalen Schiachthöfe müssen aut - 
geben, weil sie mit Großschlachthöfen nicht konkurrieren 
können. 

- Ohne kommunale Schlachthöfe können die Metzger 
nicht mehr selber schlachten und müssen bei Westfleisch 
und anderen Großunternehmen gekühlte Schweinehälften 
beziehen. Sie benötigen aber zur Herstellung ihrer Wurst¬ 
spezialitäten die Warmverarbeitung nach dem Schlachten. 
Da diese durch die Versandschweine unmöglich gemacht 
wird, produzieren die Metzger eine Einheitswurst wie die 
Handelsketten auch und müssen zudem einen höheren 
Preis als diese verlangen, weil sie nicht so gut durchrationa¬ 
lisiert sind. 

-Die großen Versandschlachthöfe werden dort gebaut, wo 
zahlreiche industrielle Mäster anzutreffen sind. Aus Gebie¬ 
ten mit einer kleinbäuerlichen Struktur zieht sich die West¬ 
fleisch entgegen dem genossenschaftlichen Auftrag zu- 


6. Unterschiedliche Preise für gleiche Schweine 

In einer Situation, in der 60 % der Einnahmen in der Land¬ 
wirtschaft aus der Schlachtvieherzeugung kommen, ist es 
ein Skandal, daß industrielle Groß mäster durch Sonder- 
vereinbarungen höhere Preise als die anderen Bauern be¬ 
kommen. Und das geschieht folgendermaßen: Da der 
Schlachthof in Hamm-Uentrop nun einmal so groß gewor¬ 
den ist (11.000 Schweine werden in der Woche geschlach¬ 
tet), hat er Auslastungsprobleme und ist dringend auf der 
.Suche nach zusätzlichen Schweinen. Gefragt sind hierbei 
nicht einige Wenige von ein paar kleinen Bauern. — Nein, 
große Mengen gleichbleibender Qualität (?) sind gefragt. 
Und die bekommt man eben von den Großmästern aus Hol¬ 
land oder Westfalen. Dabei haben diese schon genügend 
Trümpfe in der Hand: einen durchrationalisierten Betrieb, 
hohe Lagerkapazitäten, um Futter günstig zu kaufen, usw... 

Der agrarpolitische Arbeitskreis der Landjugend Unna/ 
Soest stellt dazu treffend fest: „Entscheidend ist, daß ein 
genossenschaftliches Unternehmen, das mit Bauerngeld auf¬ 
gebaut wurde, heute Schweine aus Bereichen teuer einkauft, 
die die bäuerliche Schweinehaltung in der BRD ruinieren/' 
(5) Die besseren Preise für die Großmäster können nur des¬ 
halb bezahlt werden, weil Westf leisch bei den mittleren und 
kleineren Betrieben die Schweine schlechter bezahlt. Die 
schlechtesten Preise gehen aufgrund der Marktmacht von 
Westfleisch in die Wochennotierungen (- durchschnittliche 
Preise) ein und drücken die Erlöse der Schweineerzeuger. 











7. Schweinerei im Schlachthof 

Wenn der Westfleisch-Fahrer mit seinem LKW die Schweine 
beim Bauern abholt, ist der Preis zu diesem Zeitpunkt unge¬ 
wiß. Erst nach dem Schlachten werden die Schweine in ver¬ 
schiedene Handelsklassen eingestuft. Diese Klassifizierung 
ist dann die Grundlage für den Preis, der später mitgeteilt 
wird. 

An dem Ablauf zeigt sich erneut recht deutlich, wie sehr 
der Bauer an Einflußmöglichkeiten auf die Vermarktung 
seiner Produkte verloren hat: Er verkauft und erfährt erst 
später, was er dafür bekommt. 

Die Einteilung in die Handelsklasse muß bei den riesigen 
Mengen schnell durchgeführt werden und ist zu einem Teil 
der subjektiven Bewertung des Klassifizierers unterworfen. 
Er ist Angesteller des Unternehmens und es ist klar, daß er 
in Zweifelsfällen das Fleisch eine Klasse tiefer einstuft und 
den Bauern so das Geld wegnimmt. 1979 wurden bei den 
Kontrollen des zuständigen Landesamtes 31 % und 1981 
noch 13 % der Klassifizierungsergebnisse beanstandet, wo¬ 
bei die Dunkelziffer nicht berücksichtigt ist. Durch Mani¬ 
pulationen gehen nach Berechnungen der Landwirtschafts¬ 
kammer den Bauern 30 Milt. DM verloren. Die 8 Kontrol¬ 
leure für ganz NRW nützen da auch nicht viel: 2 Wochen 
wird dann in einem Schlachthof kontrolliert, in den ande¬ 
ren 50 Wochen kann manipuliert werden. 

8. Vertrauen ist gut, Kontrolle besser 
Um diesem Mangel abzuhelfen, haben sich einige Bauern in 
besonderen Kursen als Kontroll-Klassifizierer ausbiiden las¬ 
sen. Doch Westfleisch läßt ihre eigenen Mitglieder nicht als 
Kontrolleure in ihre Schlachthöfe. Begründung: Eine 
Genossenschaft kann und braucht nicht manipulieren und 
deswegen seien bäuerliche Kontrollen überflüssig. 

Die private Firma Barfuß erklärte sich dafür 1980 be¬ 
reit, bäuerliche Kontrollen zuzulassen. Es wurde zwischen 
der Viehverwertungsgenossenschaft Lippborg und Barfuß 
ein Vertrag geschlossen. Danach hat jeder liefernde Bauer 
das Recht, den Schlachthof zu betreten und kann die Ver¬ 
wiegung und Klassifizierung seiner Schlachttiere verfolgen. 
Obwohl eine umfassende Kontrolle immer noch nicht gege¬ 
ben ist, werden die Betrügereien dadurch schwieriger. 



ü. Westf lesich drückt sich 
vor der Diskussion 

!m Herbst letzten Jahres hat sich der agrarpolitische Ar¬ 
beitskreis Unna-Soest der Westf. Lipp. Landjugend be¬ 
müht, alle Beteiligten für eine Podiumsdiskussion an einen 

24 __ 


Westfleisch-Umsätze 

Die Westfleisch Vieh- und Fleischzentrale 
Westfalen e. G. hat 1981 ihren Gesamtumsatz 
auf über 1,3 Mrd. DM gesteigert. Das waren 
wertmäßig 16 Prozent und mengenmäßig 4 
Prozent mehr als im Vorjahr. 

Zu den Hauptumsatzträgern gehörten die über 
2,5 Millionen Sch lacht sch weine (+ 4,4 %) und 
147 000 Schlachtrinder (4-12 %). Im Nutzvieh¬ 
bereich wurden 923 000 Ferkel (4- 1,7%) und 
fast 50 000 Kälber (+ 21 %) umgesetzt. 

An den gewerblichen Schlachtungen bei 
Schweinen hat die Westfleisch in Westfalen- 
Lippe einen Anteil von 31.7 Prozent, auf Bun¬ 
desebene von 7,3 Prozent. Bei Großvieh liegt 
der Marktanteil auf Landesebene um 19 Pro¬ 
zent und auf Bundesebene um 2.3 Prozent. 

Landwirtschaft 1Lchos äochon- 

blatt vom 25* 3* lStS2 


Tisch zu bekommen: Westf lesich. Barfuß, Westf, Lipp. 
Landwirtschaftsverband (WLV), Landwirtschaftskammer 
und Landjugend. Die Verhandlungen mit Westfleisch!und 
dem WLV um die Teilnahme zogen sich in die Länge. 
Schließlich sagten beide Gruppen mit der Begründung ab, 
eine neutrale Diskussionsleitung sei nicht gewährleistet. 
Diese an den Haaren herbeigezogene Begründung läßt ver¬ 
muten, daß die Verantwortlichen Angst vor den bohren¬ 
den Fragen der Bauern haben. Da die Landjugend die Ent¬ 
wicklung nicht tatenlos abwarten wollte, führte sie am 26. 
April eine Podiumsdiskussion unter dem Thema „Wem, nüt¬ 
zen die großen Schlachthöfe? /r durch. Teilnehmer waren 
Romberg (Vorsitzender des Landwirtschaftlichen Kreisver¬ 
bandes Unna und CDU-Ratsherr im Rat der Stadt Hamm), 
Barfuß (Versandschlachter), Leifert (Landjugend). Zu die¬ 
ser Veranstaltung kamen 150 Bauern und es zeigte sich, daß 
auch ohne Unterstützung von Westfleisch und vom Bau¬ 
ernverband Arbeit und Argumente der Landjugend aner¬ 
kannt wurden. Podiumsdiskutant Romberg lobte die faire 
Diskussionsleitung des Landjugendlichen Wedel!. Die Bau- 
ernVersammlung forderte mit großer Mehrheit Westfleisch 
auf, sich das nächste Mal im Herbst der öffentlichen 1 Dis¬ 
kussion zu stellen. | 

10. Selbstvermarktung — eine Alternative? 

Eine Möglichkeit, sich von den Großschlachthöfen unab¬ 
hängig zu machen, bietet die Selbstvermarktung von Fleisch. 
Da viele Haushalte Kühltruhen besitzen, könnte sich Erzeu¬ 
ger-Verbraucher-Gemeinschaften bilden, die mit den orts¬ 
ansässigen Metzgern Zusammenarbeiten. Ein Vorteil dieser 
Vermarktungsweise ist, daß die Bauern einen gerechten 
Preis bekommen und deswegen in der Lage sein werden, ge¬ 
sundes Fleisch zu liefern. Die Verbreitung der Selbstver¬ 
marktung hängt jedoch in einem starken Maß von der Ko¬ 
operationsbereitschaft der Erzeuger und Verbraucher ab. 
— Beide sind gefordert! 

Anmerkungen: 

1) WÖbiken, Einführung in die landwirtschaftliche Marktfehre 

2) Landwirtschaftliches Wochenblatt, 11.2-82 

3) Bauernblatt Nr. 25 1 

4) Agrarbericht 8 1 

5) Bauernblatt Nr. 25 











ALE MANTSCHEN 2 

— Horst Blume— 

Die Redaktion befindet sich auf der Suche nach einer Le¬ 
bensweise, in der sich ein umsichtiger Umgang mit der Er¬ 
de und die Verhältnisse zwischen den Menschen entspre¬ 
chen. Sie stellt Überlegungen an, welche Kultur- und Or¬ 
ganisationsformen eine Lebensweise ohne Geld und Staat 
möglich machen. 

In den häuslich-dörflichen Agrargesellschaften, wie sie 
während der Jungsteinzeit existiert haben oder bei einigen 
heutigen Urbevölkerungen noch bestehen, sehen sie einen 
Faden, an den es sich anzuknüpfen lohnt In mehreren 
Beiträgen werden verschiedene Aspekte des Übergangs 
von der Jäger- und Sammlergesellschaft zur Agrargesell¬ 
schaft beleuchtet. Die Rolle der Frau in Verbindung mit 
der Fruchtbarkeit der Erde und die Frage nach der Ent¬ 
stehung der Macht stehen hier im Vordergrund. Insge¬ 
samt erhält der Leser einen vorzüglichen Einblick in die 
Entwicklung und Bedeutung des Ackerbaus. Allerdings 
liegen die Beitrage an manchen Stellen deutlich Abseits 
von den tagespolitischen Diskussionen. Einerseits bringt 
ein solches Vorgehen den Vorteil einer in die Tiefe gehen- 

St . % 


m 



den Analyse. Andererseits verstärkt es aber auch die Ge¬ 
fahr, daß sogar um ländliche Alternativen bemühte ihre 
heutigen Probleme in einigen Artikeln nur schwer wieder¬ 
finden. Neue Denkansätze bedürfen, wenn sie nicht zur 
Wirkungslosigkeit verurteilt sein wollen, der ständigen Aus¬ 
einandersetzung mit real agierenden Bewegungen. In die- 
Sem Palle mit der sich langsam formierenden agrarpoliti- 
schen Opposition zum Bauernverband und den alternati¬ 
ven Landbauvereinigungen. 

Der Beitrag über das bedrohte Erbe der Kultpflanzen 
Urc h die Saatgut-Multis spannt einen Bogen zu dem 
2 * zentralen Thema: Es definiert und bewertet die ver¬ 


schiedenen Theorien {Modernisierungstheorien, Depen- 
dencia-Theorie), mit denen die Entwicklung von Indu¬ 
strie und Landwirtschaft der 3. Welt und ihre Abhängig¬ 
keit von den Metropolen erklärt wird. Die eigenen Vor- 
steHungen laufen auf eine für notwendig gehaltene Ab¬ 
kehr vom Geiste der Ökonomie in einer Nahrungs-Selbst¬ 
versorgergesellschaft hinaus, ohne jedoch eine bis ins 
letzte ausgefeilte Strategie zur Erreichung dieses Zieles 
anbieten zu wollen. 

Bei den „Schwierigkeiten bei der Alpenüberquerung" 
wird der autonome Fabrikkampf der italienischen Arbei¬ 
ter als allumfassender Widerstand gegen die Durchökono¬ 
misierung der Arbeit verstanden und dem „Traumkitsch 
der Gorz'schen Dualwirtschaft" eine Abfuhr erteilt - 
Eine geschmackvolle Aufmachung und zwei schöne Ge¬ 
dichte helfen mit, den schwergewichtigen Inhalt halfewegs 
ohne Kopfschmerzen zu verdauen. 

Alemantschen Nr. 2, 142 Seiten, 9 DM. Bezug- Mein¬ 
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1 


® 81 ® 
EOS 


gung 



| von Matthias Schwark 

Es ist zweifelsohne verdienstvoll, wenn auch im „schwarzen . 
ifaden" darüber diskutiert wird, welche Konzepte gegen Rü- 
jstungswahnsinn existieren und wie man sie verwirklichen 
kann, in diesem Sinne hat Volker Schössier einige Berner- 
ikungen zur Sozialen Verteidigung aufgeschrieben, die von 
: der Grundthese ausgehen, daß niemand sich Gedanken ge¬ 
macht habe, was eigentlich verteidigt werden soll und ob 
! sich dafür der persönliche Einsatz lohne. 

Dabei mißversteht Volker aber die Vorstellungen über 
| Soziale Verteidigung (SV) in dreierlei Weise: 

I 1.)Das Konzept der SV wurde gerade deswegen diskutiert, 
j weil mensch sich die Frage stellte, was verteidigt werden 
S solle. In Anbetracht der gerade von den Staatsapparaten in 
; Ost und West verursachten horrenden Steigerung der Mili- 
| tärausgaben, der durchgehenden Militarisierung der hoch- 
I gerüsteten Nationen und der Köpfe ihrer Bewohner und der 
I Tatsache, daß heute jeder vom Zaun gebrochene atomare 
| Krieg alles zerstören würde, fragen sich Leute, die diese 
Konzeption durchdachten, ob mensch sich nicht theore¬ 
tisch waffenlos verteidigen könnte. 

Im Laufe der folgenden Jahre kam dann die Forschung 
zu dem Ergebnis, daß erst, wenn sich eine Gesellschaft so- 
I zial stark gewandelt habe, ihr die SV nach außen möglich 
! j sei. Das (nach außen verteidigen) ist für uns sicher fraglich, 
j! Mit: dieser Erkenntnis einher qing aber auch die andere, 
daß SV im inneren wirksam weiuen kann, und zwai als 
Verteidigungsform einer sozialen Bewegung, um ihre Le¬ 
bensweise abzusichern und zu schützen. Was anderes tut 
Volker, wenn er gegen den Staat als Prinzip, die „zuböto- 
nierte Heimat", angeht Ob er es alleine oder mit einer Be¬ 
wegung oder sonstwie versucht, eine libertär-sozialistische 
Gesellschaft aufzubauen, immer steht er vor der Botwen- 
digkeit, seine Bestrebungen voranzubringen, abzusichern, 

, für sie auch zu kämpfen. 

| 2.) Hierzu bietet die Konzeption der SV Möglichkeiten; 

! mensch muß sie nur kennen. Sie ist z.B. auch eine Me- 
i thode, strukturelle Gewalt zu überwinden und Wider¬ 
stand gegen gewaltsame Interventionen in basisdemokra- 
| tische Prozesse leisten zu können. 

Ihre ersten Vertreter waren Leute, die sich Anarchisten 
I nannten oder als solche verstanden werden können.. Zwar 
ij wurde damals in Indien, den USA und der niederländischen 
! antimilitaristisch-sozialistischen Bewegung das Konzept 
| nicht als SV bezeichnet, aber wesentliche Gedanken stam¬ 
men aus diesen Kreisen. 

Die Hauptfrage ist, ob Gruppen und Individuen genü¬ 
gend Macht voh unten entfalten können, um sich gegen die 
Herrschenden durchzusetzen. Hierzu dienen dutzende von 
taktischen und strategischen Möglichkeiten. Die Vorstellung 
i der SV geht davon aus, daß sie von Basisgruppennetzen 
j durchgeführt wirr.', in der autonom handelnde Individuen 
j bewußt und gemeinsam in einer Bezugsgruppe Widerstand 
| leisten - sei es gegen AKW's, gegen Militarismus, gegen 
l Startbahnen usw. 

! Die Hauptschwierigkeit liegt darin begründet, daß die 
| SV auf gewaltfreiem Kampf beruht. Hier gibt es viele Dis- 
! kussionen und Meinungen. Tatsache ist aber, daß das 
Konzept nur dann funktionieren kann, wenn die Gewalt¬ 
freiheit handlungsleitendes Prinzip bleibt (darüber wird 
gestritten und ein paar Worte von Volker zu dieser Schwie- 
| rigkeit hätten mehr geholfen, alseine Mißinterpretation der 
1 SV). 



3. Öas Grunddilemma bei Volker ist, daß ihm einerseits ei¬ 
ne ideale Gesellschaft vorschwebt, für die’ er eintreten will 
und die in diametralem Gegensatz zur heutigen Gesellschaft 
steht (wie Volker in einigen Beispielen richtig herausstellt). 
Andererseits schreibt er nicht, was er denn für eine Vor¬ 
stellung hat, wie diese ideale Gesellschaft hier und heute 
vorbereitet werden kann. Er verfällt deshalb in zwei Wider¬ 
sprüche: I 

— Volker sagt, mensch müsse bei der SV auch Leben und 
Gesundheit aufs Spiel setzen. Das ist sicher richtig. Aber 
will er es denn nicht tun bei der Verwirklichung der li¬ 
bertären Gesellschaft? Das muß er doch wohl; die Er¬ 
richtung einer solchen Gesellschaft wird Opfer fordern, 



nchtung einer solchen Gesellschaft wird Opfer fordern, 
machen wir uns doch nichts vorl 
- er wirft dann der SV vor, sie wolle diese (übte) Gesell¬ 
schaft verteidigen. Damit übernimmt Volker die herr¬ 
schende Sprachregelung von „Verteidigung". Dann ist es 
leicht, dieses Konzept mit einigen Zitaten von Anarchi¬ 
sten abzulehnen (es gibt genügend gegenteilige Zitate). 
Einer Idee aber, die sich nicht so versteht, wie es die 
Herrschenden gerne vorschreiben wurden, wird mensch 
so nicht gerecht! 

Wir sind uns sicher einig, daß etwas gegen Rüstungswahn¬ 
sinn und Militarismus getan werden muß, auch wenn die 
Meinung um sich griff, der militärische Staats^Bürokratie- 
Wirtschafts-Komplex sei so enorm aufgebläht und unüber¬ 
windlich. Resignation jedenfalls sollte nicht die Konse¬ 
quenz sein. Die SV kann, wenn sie mit Kenntnis disku¬ 
tiert wird, einen Weg aus dem Dilemma zwischen der blo¬ 
ßen Appelation an diesen Riesänkomplex und revolutio- 
närem Schneckenhaus weisen. 








ZUM KONZEPT 

DER SOZIALEN VERTEIDIGUNG 


In diesem Beitrag soll nicht versucht werden, das Konzept 
der sozialen Verteidigung umfassend zu erläutern. Es gibt 
hierzu eine Menge Schriften und Aufsätze, die das geleistet 
haben Hier soll es vielmehr darum gehen, einige Fragen und 
Probleme aufzuzeigen, die sich für Anarchisten ergeben, 
wenn das Konzept näher betrachtet wird. 

A.) Die Grundthese, von der ich in diesem Artikel ausgehe, 
ist, daß sich die gegebene politisch-historische Situation 
grundlegend von allen vorangegangenen unterscheidet - 
und dies auch für Anarchisten und ihre Vorstellungen gilt 
und gelten muß. Es hat sich eine gesellschaftliche und staat¬ 
liche Umwelt herausgebildet, deren Merkmale objektiv an¬ 
dere sind und andere politische Handlungsmuster verlangen, 
als sie z.B. noch von Anarchisten vor dem 2. Weltkrieg für 
richtig erachtet wurden. Der gesellschaftliche Rahmen, der 
Denken und Handeln bestimmt, hat sich entscheidend ge- 

Wa mes t gilt nicht nur für die durchgreifende Militarisierung 
der staatlichen Strukturen in aller Welt sowie des Bewußt¬ 
seins der meisten ihrer Bewohner; Tendenzen, die sich u.a^ 
im absurden System atomarer Abschreckung zeigen dessen 
Bedrohung für alle Bewohner der Erde konkret und unent- 
rinnbar ist. Es gilt auch für die ökologische Situation der 
Biosphäre, die flächendeckend und ganz direkt global be¬ 
droht ist. Ebenso läßt sich für die Möglichkeiten und Mittel 
der Staatssysteme eine bislang nie erreichte Zentralisierung 
und Monopolisierung der Gewaltinstrumente es^ 
innert sei nur an die Entwicklung der Mikroelektronik, die 
umfassende Datenerfassungssysteme ermöglicht und ent¬ 
sprechende Zugriffe auf die Menschen begunst gt Wenn a s 

Maxime gelten kann, daß die autonome, freie. L ebe ns 9 estal- 
tung aller Menschen für alle ihre l-ebensbereiche anzustre- 
ben ist, dann stehen wir heute demgegenüber praktisch vor 
einer beispiellosen Verfeinerung des Destruktionspotent,als 
für alle Bereiche der menschlichen Gesellschaft. Diese Ent¬ 
wicklung der Destruktivkräfte, von vielen Marxisten in der 
Hoffnung auf die Entfaltung der Produktivkräfte ubersehen 
qing einher mit einer tendentiellen Durchdringung aller 
Lebensbereiche durch den Militarismus für ^eine Begriffe 
ein Gestaltungsprinzip der Gesellschaft, das am meisten an 
archaischen Vorstellungen widerspricht. 

B.) Diesem Tatbestand können sich Anarchisten nicht en 
ziehen; sie können ihm auch gar nicht entfhehen. Es 9 _ 
zwar die Position einiger Anarchisten, daß alle die 
aufgezählten Umstände „vom Staat" - als Prmz\p » v ' _ _ 

sacht sind, daher per Definition schlecht undi sowieso.nicht 
kümmernswert sind. Dieser Position mag früher auch eine 
gewisse Bedeutung und Berechtigung zugekommen sein 
weil es 'Nischen' im gesellschaftlichen Leben gab, in die 
mensch sich zurückziehen konnte. Sei es, daß mensch au - 
wanderte, Kommunen oder andere selbstverwaltete Einhe - 
ten zu schaffen suchte, oder gar libertäre Revolten in Gang 
setzen konnten wie in der Ukraine oder in Spanien. 

Heute jedoch sind diese Versuche insofern überholt, als 
sie keine Gewähr dafür bieten, daß ihr - natürlich früher 
auch schon vorhandener — zweischneidiger Charakter unge 
wollt dem herrschenden System hilft, mit seinen Problemen 
besser zurecht zu kommen. Die Zentralisierung der Gewalt¬ 
potentiale bei den Staatsapparaten und ihre beispiellose Per¬ 
fektionierung lassen es meines Erachtens letzlich aussichts¬ 
los erscheinen: Ausweichen ist heute nicht mehr möglich. 
Vielmehr kommt es darauf an, die Strukturen und Denk¬ 
apparate, die das herrschende Destruktionssystem bestim¬ 
men, direkt anzugehen und zu bekämpfen. 

Das heißt nicht, daß Bestrebungen alternativer Kultur 
sinnlos sind. Sie haben aber bei der gegebenen historisch-po¬ 
litischen Situation nur dann einen Sinn, wenn sie mit einer 


Strategie zur Absicherung des alternativen oder neuartigen 
Charakters verbunden sind. Denn insbesondere, wenn sol¬ 
che Bestrebungen Kernbereiche der Herrschaft antasten, 
geraten sie leicht in Gefahr, vereinnahmt oder zerstört zu 
werden: Selbstverwaltete Betriebe sind schnell in der Situ¬ 
ation, bei Strafe des Untergangs oder der unerträglichen 
Selbstausbeutung, sich Spielregeln kapitalistischer Markt¬ 
wirtschaft unterwerfen zu müssen. Kriegsdienst- und Total¬ 
verweigerer werden bei ihren Versuchen individuell-antimi¬ 
litaristischer Alternative oft Opfer einer repressiven Justiz 
und später der Arbeitswelt (als Vorbestrafte). Versuche au¬ 
tonomer Entscheidungsfindung werden meist sogleich, wie 
zuletzt im Falle der Startbahn West, durch die Staatsgewalt 
unter Verweis auf demokratische Mehrheiten verhindert. 

Insgesamt läßt sich festhalten, daß ein Ausstieg aus den 
gesellschaftlichen Zusammenhängen heute weder allein 
durch alternative Verfahrensweisen, noch durch individuelle 
Verweigerung denkbar erscheint. Solche Feststellungen gel¬ 
ten auch für Anarchisten. Einige meinen, aufgrund ihrer ge¬ 
nerellen Ablehnung jeglicher Interaktion mit Gruppierun¬ 
gen, die nicht ihre Ansichten teilen, schon ihren libertären 
Prinzipien Genüge zu tun. Gerade durch die Verweigerung 
aber ermöglichen sie dem bekämpften Staat, seine Instru¬ 
mente noch effektiver zu gebrauchen. Notwendig ist aber 
eine konstruktive Handlungsperspektive, ohne die heute ein 
Widerstand gegen den alle gesellschaftlichen Lebensbereiche 
durchdringenden Militarismus sinnlos erscheint 

Die angeführten Probleme drängen wieder zwei grundle¬ 
gende Fragen in den Vordergrund, die unter Anarchisten 
schon häufig zentrale Punkte der Debatte waren. Die erste 
Frage ist, wie ein organisatorischer Zusammenhalt gefunden 
werden kann (vgl. den Beitrag von.A. CELSO in $f Nr. 7), 
der ein direktes Vorgehen gegen die von mir beschriebene 
bedrohliche Entwicklung ermöglicht Die zweite Frage ist, 
wie der nötige sofortige gemeinsame Kampf mittels kleiner 
Schritte so geführt werden kann, daß kein Anarchist be¬ 
fürchten muß, entweder angepaßt oder integriert zu wer¬ 
den, oder einem irrationalen Haß gegen scheinbar nicht ver¬ 
änderbare Strukturen zu verfallen. 

Die vielen Überlegungen zur Strategie einer Sozialen Ver¬ 
teidigung bieten hier, so meine ich, durchdenkenswerte Per- 







spektiven für politisches Handeln. Anarchisten dürfen nicht 
glauben, nur auf ihrer Seite oder aufgrund ihrer Grundhal¬ 
tung entstünden gute Ideen; sie müssen vielmehr auch jene 
anderer Gruppen und Leute unter ihren libertären Prämis¬ 
sen überprüfen. Gerade in der geschilderten qualitativ neuar¬ 
tigen Situation ist es doppelt nötig; Anarchisten haben noch 
nicht oft ihre Stärke bewiesen und häufig waren sie zu sehr 
mit sich selbst beschäftigt. Anarchisten haben heute aber 
auch eine Verantwortung für die zukünftige Gestalt der Er¬ 
de und des.menschlichen Lebens, der sie sich nicht entzie¬ 
hen dürfen. 

C.) Welche Überlegungen zu einer Sozialen Verteidigung 
sind nun in diesem Zusammenhang interessant? Ich möchte 
auf drei Aspekte eingehen: 

- den internationalistisch-antimilitaristischen Charakter; 

“ die Verankerung in und durch autonome Individuen und 
Basisgruppen; 

— Gewaltfreiheit und Opferbereitschaft. 

1.) Zunächst hatten sich eher bürgerliche Leute mit der Fra¬ 
ge beschäftigt, ob es eine Alternative zum völkermordenden 
Massenkrieg und der drohenden atomaren Vernichtung ge¬ 
be. Sie diskutierten die Möglichkeit einer anderen Verteidi¬ 
gung und kamen zu dem Ergebnis, daß eine waffenlose, zi¬ 
vile Verteidigung generell einer bewaffneten Verteidigung 
überlegen sein kann. Sie dachten dabei an Massenungehor- 

B |HK Kj 




lilftfii 


»IlIÄlii 


mmmm: 




sam, Nichtzusammenarbeit, babotage von Verwaltung und 
Ressourcennutzung usw. Die Überlegenheit waffenloser 
Verteidigung gilt aber nur dann, wenn ein Volk im wesent¬ 
lichen hinter diesem Konzept stünde, d.h. also Vertrauen in 
die Regierung und staatliche Institutionen hätte. In unfrei¬ 
en Klassengesellschaften mit tiefen sozialen Gegensätzen 
und Repressionen gegen die Bevölkerung ist aber diese Be¬ 
dingung für eine soziale Verteidigung nach außen hin nicht 
erfüllbar. Der Wille zum waffenlosen, enthehrungs- und 
möglicherweise auch opferreichen Widerstand ist kaum von 
ausgebeuteten und unterdrückten Menschen mit der nötigen 


Kraft zu erwarten — wofür sollten diese Menschen denn 
auch Opfer bringen?! (Und ich glaube, dieser Aspekt brach¬ 
te Volker Schlössler (vgl. sf Nr. 7) zur generellen Ablehnung 
der SV!). 

Solche Faktoren wurden nicht berücksichtigt, weshalb 
die Ideen erstmal in der Versenkung verschwanden. Den¬ 
noch gibt es eine Fülle von Beispielen, wo waffenlose Wi- 
derstandshandlungen in repressiven Sozialsystemen gegen 
äußere Aggressoren durchgeführt wurden, z.B. gegen faschi¬ 
stische Okkupanten in Holland, Dänemark und Norwegen. 

rccD bekannteSte Beispiel in jüngster Geschichte ist die 
CSSR, in der die Menschen 1968 offenbar bereit waren, 
den erfolgten sozialen Wandel hin zu mehr Selbstbestim¬ 
mung, Autonomie und Freiheit auch zu verteidigen. 

Mit den Erkenntnissen aus diesen u.v.a. historischen 
Fa e ?Jo B ' Ruhrkam P f 1923, Kapp-Putsch 1920, Alge¬ 
rien 1962, Indien 1930-39 etc.) verbanden sich im Laufe 
der letzten 20 Jahre Betrachtungen über Konzepte sozu¬ 
sagen intergesellschaftlichen" Kampfes. Mensch fand, daß 
es bereits vor dem 2. Weltkrieg in den Niederlanden tief dis- 
kutierte Vorstellungen gewaltfreier, radikaler gesellschaftli- 
c er Änderung gab, die von Anarchisten , Pazifisten und 
Linkssozialisten vertreten wurden. Auch die Ideen zivilen 
Ungehorsams die in Indien von GANDHI verbreitet wur¬ 
den, in den USA vonTHOREAU inspiriert, fanden breitere 
Beachtung. 

Schließlich hatte sich aus den Überlegungen zu einer 
waffenfreien Verteidigung, den historischen Beispielen urid 
den neuen Kenntnissen von Vorläufern gewaltfreier Koh- 
f liktaustragung ein Konzept der Sozialen Verteidigung her¬ 
aus ristallisiert. Diesem Konzept wurde grundsätzlich im¬ 
mer von Gegnern erstmal vorgeworfen, ineffektiv, pazifi¬ 
stisch, wehrlos und versöhnlerisch zu sein. Es wurde einfach 
nicht wahrgenommen, daß die Strategie vor allem auch so 
verstanden wurde, daß sie innerhalb der Gesellschaften und 

U " terdrückte " Menschen und a^gebeuteten 
Minderheiten genutzt werden kann, um ihre '.ebenszusam- 
menhange zu verteidigen. Die Soziale Verteidigung wird al¬ 
so mittlerweile überhaupt nicht mehr an die Existenz von 
Staatssystemen (herkömmlicher Begriff von 'Verteidigung^ 
und Gesellschaften (Herkömmlicher Begriff revolutionärer 
Kriege und Bürgerkriege) gekoppelt, sondern beschreibt ei- 
ne Konfliktstrateg'e für Menschen und Gruppen gegen Herr- 
Schaft, Ausbeutung und Unterdrückung 

Der Charakter der SV ist daher internationalistisch. Sie 
hat als Konfliktstrategie für Beherrschte allgemeine Gültig¬ 
keit und ist nicht auf bestimmte Situationen und geografi¬ 
sche Regionen beschränkt. Repression ist eine internatLa- 
le Erscheinung in vielen Facetten; dementsprechend kenn : t 
die SV horizontale Steigerung ihrer Kampfkraft (Verbreite- 
rung) und vertikal Verschärfungen der Kampfmittel Da 
hier nicht alle Mittel und Methoden genannt werden kön- 
nen ein kleines Beispiel: In der CSSR war es 1968 für die 

r e Ef “i ä-Säzt 

ren verunmoghchte d ,e Verhaftung. D.h. daß mit billigsten 

Methoden einer total überlegenen Macht Grenzen gesetzt 
wurden. Zwar waren a- -t u V, . 9«etzt 

erfolareich rWh L tztllch die Tschechoslowaken nicht 

Ifüberhaunt T man ihr6 Niederla 9 e nicht der da ' 
gung anlasten) breiteten waffenlosen Verteidi- 

SV ist vom Wesen her antimilitaristisch, was von 
behauptet Ut ° n ° men oder Anarchisten wahrlich nicht! 
litaristLh' den . kann - Zumindest verstehe ich unter 'mi- ; 
siven Soziale 110 ! 1 eme Gesmnun 9< die einen in einem repres- 
kiärt , mri . ystem aufgewachsenen Gegner zum Feind er- 
, lhn zur Vernichtung freigibt Gewaltfreie Aktio¬ 
nen zwecks sozialer Verteidigung können und sollen auch 
gerade dies verhindern. 

28 







2.) Der Strategie der sozialen Verteidigung liegt der Gedan¬ 
ke zugrunde, daß Auseinandersetzungen und Konflikte mit¬ 
tels gewaltfreier Aktionen durch autonome Basisgruppen 


ausgetragen werden. 1m Gegensatz etwa zu militaristischen 


Strategien von Guerrilleros, oder auch der RAF z.B 


physische Vernichtung einplanen müssen, hierarchisch ge 


gliederte, lernpathologische Kampfformationen erfordern 


(Geheimhaltung, Spitzelangst, Selbstjustiz), und nach aller 


Erfahrung insbesondere in Großstädten selbstmörderisch 


verläßt sich die gewaltfreie Aktion auf freiwillige 


Teilnehmer, statt auf Mitläufer oder Dienstverpflichtete. 


So sollen auch Versefbständigungsprozesse in Aufstands« 
remien verhindert werden, die Revolutionen schon häufig 



3.}Spätestens hier werden viele Leute sagen, daß die ganze 
SV ja sehr schön sei; da sie sich aber auf Gewaltfreiheit 
stütze, könne sie gar nicht erfolgreich sein. Die Diskussion 
um diesen Zentralaspekt von Konfliktaustragungen geht 
auch immer von neuem los. Es gibt hier unter sog. Gewalt- 
freien durchaus unterschiedliche Auffassungen. Einige be¬ 
haupten, Gewaltfreiheit bedeute, daß weder körperliche 
Gewalt noch Gewalt gegen Sachen sein dürfe, um die Red¬ 
lichkeit der eigenen Absicht vor allem auch Unbeteiligten 
zu vermitteln. Andere meinen, Gewaltfreiheit sei der Aus¬ 
druck dafür, daß keinem Gegner (Polizist, Soldat, Mana¬ 
ger o.ä.) die körperliche Unversehrtheit bedroht sein dür¬ 
fe. Denn es werde dessen soziale Rolle als Unterdrücker, 
als in Uniform gezwungener Büttel bekämpft und nicht er 
als Mensch. Dabei seien aber Sabotageakte, Zerstörung von 
Kriegsmaterial, Aktenverbrennungen etc. durchaus richtig 
und nötig. Von den meisten Leuten, die sich bewußt für 
Gewaltfreiheit entscheiden, wird Gewaltfreiheit als ver- 


selbstzerstörerische Konflikte beschert haben, wie sich 
jüngst übrigens einmal mehr in Nicaragua ankündigt. M.a.W.: 
Gewaltfreie Aktionen können schon heute von Interessier¬ 
ten frei erprobt werden, währen alle anderen Konzepte 
radikaler Gesellschaftsveränderung autoritäre Elemente (Ge¬ 
walt, Hierarchie, Wissensvorsprung von Fachleuten) not¬ 
wendig enthalten. 

Gewaltfreie Aktion ist mithin eine trägergebundene Me¬ 
thode, die sehr wohl auch der pragmatischen Bewertung 
zugänglich ist und griffige Mittel |der Auseinandersetzung 
in die Hände gibt. Denn sie hat nicht nur einen Handlungs¬ 
aspekt - als Konfliktmethode — sondern auch einen Lern¬ 
aspekt. Er ergibt sich daraus, daß in einer Bezugsgruppe die 
Auseinandersetzungen mit den Herrschenden und ihren Büt¬ 
teln in ihren Formen und Methoden geübt werden, und 
nicht sofort die verhängnisvolle Alternative "Steine schmeis- 

sgpj_oder abhauen* auftaucht. Es ist eben wesentlich auch 

eine Frage des Selbstvertrauens und der individuellen Fähig¬ 
keiten und Fertigkeiten, genau zu wissen, wie in jedem Mo¬ 
ment des Konflikts gehandelt werden kann. 



|| ', A I . I 

: ^ __,_üL. 

nünftigere und wirkungsvollere Handlungsmögfichkeit j 
betrachtet Dafür gibt es mehrere Gründe; ich versuche sie , 
an einigen Beispielen abschließend zu erläutern. ! 

Einmal wird der Gegner als Rollenträger gesehen, dessen j 
Auslöschung unmenschlich ist (genauso wie z.B. die Todes- \ 
strafe), aber auch, je gewalttätiger und bedrohlicher die j 
Kämpfe sind, umso eher und massiver ihre Machtmittel ge- j 
gen Aufständische einsetzen werden. Sinnvoller ist des dage- ; 
gen, den Gegner zu demoralisieren und ihn auf seine Seite j 
zu ziehen. Die Barrikadenkämpfe vergangener Jahrhunderte j 
I hatten im wesentlichen solch psychologische Funktion. Je • 
I militanter aber die Kämpfe werden, desto schneller und ! 
I heftiger ist mensch von ausländischen Waffenlieferungen, ! 
I Unterstützung ausländischer Mächte, mit einem Wort vom j 
I Militarismus abhängig. I 

; Außerdem bringt der gewaltfreie Kampf den wesentli- i 
chen Vorteil gegenüber militärischen Auseinandersetzungen, f 
daß die Erweiterung der Basis des Aufstandes einfacher und 
schneller vonstatten geht. Die Entscheidung von Unbeteilig- j 
ten für die Aufständischen ist wesentlich schwerer, wenn sie 
plötzlich Waffen tragen sollen, in geheimnisvolle Kampf- j 
Strukturen eingebunden werden, undurchsichtige Befehle ! 
erhalten, von ihren Heimatorten entfernt werden und über- | 
haupt nicht mitentscheiden können. j 

Zudem ist der gewaltfreie Kampf die effizienteste Kampf- j 
form in hochindustrialisierten Gesellschaften. Leute, die 
heute z.b. dafür eintreten, daß an der Startbahn-West Guer- 
rilla-Widerstand o.ä. betrieben wird, haben wirklich keine 

I Ahnung, was sie da vorschlagen. Selbst wenn es gelingen 
könnte, einige Tausend Entschlossene zu finden, sie zu be¬ 
waffnen und zu Aktionen zu überreden, wie sollte dieses 
Häuflein gegen die geballte Macht von BGS und Bundes¬ 
wehr etwas bewirken 4 *. Und wie schnell wäre das Vertrau-j 
en der jetzt gewaltfrei Widerstand leistenden in ihre Aktio- j 
nen verschwunden, weil die Polizei schießen würde! 

Wie sollten diese militanten Kämpfer versorgt werden,! 
was sollten sie tun, wenn die Startbahn nicht gebaut wird? ■ 
Gegen Bonn ziehen? Das ist so lächerlich wie absurd. 

So sehr auch die Konzeption einer Sozialen Verteidigung j 
von Basisbewegungen mit Schwierigkeiten und Risiken be-! 
haftet ist, die ich nicht leugne und die ernsthafte Barrieren i 
darsteilen, und die hier sicher nur unzulänglich dargestellt! 
werden konnten, so sehr denke ich auch, daß sie angesichts i 
atomarer und ökologischer Gefahren die einzige sinnvolle j 
Handlungsperspektive für Leute darstellt, die politisch han¬ 
deln wollen und bereit sind, notwendige Risiken in Kauf zu i 
nehmen. Sie ist allerdings keine Rezeptur für Leute, die nur! 
kritisieren wollen, aber selbst zu nicht mehr als isolierter j 
Kraftmeierei fähig sind, und dabei sogar oft noch den Büt- j 
teln des Staates in die Hände spielen. 29 






















I 





1. Kapitel 

Da stimmt irgend¬ 
etwas nicht. - Eine 
Betonwüste frißt 
sich ins letzte gros¬ 
se zusammenhän¬ 
gende Waldgebiet 
des Ballungszen¬ 
trums Rhein-Main: 
4 Kilometer lang, 
600 Meter breit. 
Die Startbahn 
West. Baumaschi¬ 
nen walzen alte 
Baumbestände nie¬ 
der, fassungslos 
stehen die Men¬ 
schen, die der Ver¬ 
wüstung ihrer Hei¬ 
mat Zusehen müs¬ 
sen. 

2. Kapitel 

Da muß doch was 
zu machen sein. 

Die aufgestaute 
Unzufriedenheit 
verschafft sich 
Luft. Der Meinung 
in einer Demokra¬ 
tie zu leben, gehen 
die Leute auf die 
Straße, die unter 
anderen Umstän¬ 
den keine Macht 
der Welt zu De¬ 


monstranten hätte machen können: 
der Opel-Arbeiter, der Rentner, die 
Hausfrau. Da verwischen sich selbst 
festgefügte Parteigrenzen. 

3. Kapitel 

So kanns einfach nicht weitergehen. 
Der Bürgerprotest verhallt unge- 
hört. Unbeeindruckt von allen Ar¬ 
gumenten ziehen Flughafen AG 
und Landesregierung ihre Planun¬ 
gen durch. Die Bürger erkennen, 
daß sie auf die politische Schiene 
geleimt werden sollen und sind mi߬ 
trauisch geworden - schüchtern zu¬ 
nächst verlassen sie die eingefahre¬ 
nen Gleise dessen, was die Polizei 
ertaubt. 

4. Kapitel 

Jetzt langts uns aber. 

Im Herbst 1981 zeigt er den Bür¬ 
gern seine Zähne. Sie sind hart wie 
Schlagstöcke, scharf wie NATO- 
Stacheldraht. Aus mehreren Bun¬ 
desländern zusammengezogen, be¬ 
kämpft eine hochgerüstete Polizei¬ 
armee im Sold der Landesregierung 
die eigene Bevölkerung. Über Got¬ 
tesdienstbesuchern kreisen Hub¬ 
schrauber, Gasgranaten und Knüp¬ 
pel schlagen unheilbare Wunden 
ins demokratische Bewußtsein vie¬ 
ler tausend Bürger. 


b, Kapitel 

Ab sofort bestimmen wir selbst. 
Phantasievölle Aktionen der Unter¬ 
stutzer gruppen im ganzen Land er¬ 
reichen eine vorher nie dagewesene 
politische Mobilisierung; den gan¬ 
zen Sommer über bis in den Herbst 
hinein läuft die Kampagne, deren 
Erfolg selbst kühne Erwartungen 
übertrifft: rund 130 000 Unter¬ 
schriften wären für die erste Phase 
des Volksbegehrens nötig gewesen; 
220 000 können am T4. November 
bei der größten ökologischen Mas¬ 
sendemonstration in der Geschich¬ 
te der Bundesrepublik dem Lan- 
deswahHeiter in Wiesbaden über¬ 
geben werden. 

6. Kapitel 
Euch blüht noch etwas — denn wir 
wachsen. 

Die Regierung ignoriert das Frie¬ 
densangebot der Bürgerbewegung, 
indem sie uas Volksbegehren ver¬ 
wirft, Vor 220 000 hessischen 
Bürgern leistet die Politik einen 
Offenbarupgseid. Das Volksbegeh¬ 
ren wird abgeschmettert, die Arti- 
Startbahnbewegimg wird kriminali¬ 
siert. 

Gewaltlosigkeit ist nicht gefragt. 
Und schon gar keine Demokratie, 
die von unten kommt. 


KURZ ME LD UNGEN 


WATERLOO MARCH 
CND Demo, 6. 6. 32 


WALLA-WALLA GEFÄNGNIS 
CARLHARP 


In der Nummer 6 des SF veröffentlichten 
wir eine Diskussion englischer Anarchi¬ 
sten zum Verhalten auf Friedensdemös. 

Nachdem letztes Jahr die Kundgebung 
von ca. 200 dadurch gestört worden war, 
daß sie sich direkt vor die Rednerbühne 
aufbauten und dLrch Sprechchöre und 
schwarze Fahnen den offiziellen Ablauf 


samt gab es 48 Verhaftungen; langhaarige 
Pazif isten und kurzhaarige Funks wurden 
auch noch in den U-Bahnen aufgrund ih¬ 
res Aussehens abgegriffen, 

Kontakt: 

Oxford Street 48 Defense Campaign 
Box 48 

c/o 84 b Whitechapel High Street 
London E 1 


SCHWARZ-ROTER 
KAIN-KALENDER 1982 


„Anarchist richtet sich selbst" schrieb die 
Nazipresse über den Tod Erich Mühsams, 
den sie erhängt, bzw. nach seinem Tod 
aufgehängt hatte, „Selbstmord" riefen 
die amerikanischen Behörden, als am 
5. 9. 81 der Tod durch Erhängen von 
Carl Harp bekannt wurde. Am selben 
Tag hatte Carl Harp noch Briefe ausge¬ 
schickt, in denen er Freunden gegenüber 
erklärte, daß er sich von faschistischen 
Wachmannschaften bedroht fühle, die 
drei Leute auf der Abschußliste hätten. 
Einer der drei, der schwarze Militante 
Benny Washington, soll inzwischen bei 
einem Handgemenge getötet worden 
sein. 

Londoner Anarchisten wollen jetzt 
Carl Harp's Gefängnistagebuch „Love and 
Rage" zusammen mit dem 'Hapotoc 
Pamphlet' „I wanna be free" sowie einer 
Übersicht zu seiner Ermordung heraus¬ 
geben. Dafür sammelt die Gruppe Geld 
und bittet um Spenden an: 

Carl Harp Printing Appeal 

c/o 121 Books Collective 

121 Raifton Road; London SE 24 


Ralf G. Landmesser gibt im Guhl-Verlag 
Berlin einen Nachfolgekalender zum 
SCHWARZEN KALENDER 81 raus. 
Der Zusatz 'Kain* lehnt sich an Erich 
Mühsam an, der seinerzeit sowohl eine 
Zeitschrift, wie auch Kalender unter die¬ 
sem Namen veröffentlichte. Wer mitar- 
beiten will, schicke Beiträge, Sprüche, 
Bilder, Photos etc. an: 

Ralf Landmesser I 

Mühlenstraße 162 
4090 Mönchercgladbach 


störten, zog am 6. 6. sofort Polizei auf 
und drängte ca. 300 Leute vom Rest der 
Demo ab. Diese 300 hielten über Mega's 
in einiger Entfernung eigene Redebeiträge 
ab, bis sich eine Polizeieinheit gegen sie in 
Marsch setzte. Daraufhin beschlossen sie, 
um die 150 000 CND-Friedensmarschie- 
rer herumzuziehen und einzelne Gruppen 
aufzusammeln. Mit insgesamt ca. 500 
Anarchisten und Punks zog man in d 
Oxford Street; ohne Warnung griff die Po¬ 
lizei diese Demo an, als sie sich in Rich¬ 
tung US-Botschaft begeben wollte. Die 
Polizei begann zu verhaften, um einzelne 
Verhaftete entwickelten sich Kämpfe. So 
konnten zwei Leute aus einem Polizei- 
wagen wieder herausgeholt werden. Insge¬ 











reiche Resonanz fand, ab. 

Was bereits auffällt: die meiste Resonanz kommt von einzelnen; 

„ ... , . , Knntaktm vorhanden ist, aber auch, daß es wenig Gruppen gibt, die be- 

d.h. sowohl, daß ein e urfms nac ver * Zielsetzungen arbeiten. Ausnahmen wie in Karlsruhe, Frankfurt, Wien, 
reits zuverlässig und on inuieri wen ig Bestehende Organisationsansätze wie IFAU, GWR, FAU-HH haben 

Hamburg, Emden, Tübingen stnd da noch z: g- ^ ^ SCHWARZE FADEN als Diskussionsforum und Kontakt¬ 
sich bisher an der Diskussion ö g ' ^ • natürtich> daß er nur zur Vernetzung von Gruppen und Individuen 

Vermittler leisten kann wissen wir noch Perspektiven ausarbeiten und sich öffentlich einbringen; sei es als poh- 

beitragen kam, die sich vor %\2^^ e J h !mrwaltete Werkstatt oder was auch immer... Mit der Vorstellung der 
tische Gruppe, als libertäre Kultur f™ pp ’ f machen und bieten anderen interessierten Gruppen (nicht Verlagen, 

tfire Arbeit vmzustellen I 


DIE ANARCHIST ASSOCIATION 
OF THE AMERICAS : Ä. Ä. Ä. 

Die Anarchist Association of the Americas" ist ein Grup¬ 
penzusammenhang von Kollektiven, Kommunen und Be¬ 
zugsgruppen. die eine radikale Veränderung bestehender 
Gesellschaftszustände anstreben. Wir stellen sie m Rahmen 
unserer Organisationsdiskussion vor, weil es sich um eine 
bewußt regionale Gruppierung handelt, die ganz ähnliche 
Schwierigkeiten sieht, sich weiter auszudehnen, wie sie auch 
für die BRD-Situation zutreffen. Das folgende ist also eine 
Selbstdarstellung, die wir wiederum als Diskussionsbertrag 
verstehen - dies nur für diejenigen, die uns (privat) bei Ale¬ 
xanders Artikel gleich auf feste Positionen wie „grüner 
Wahlaufruf" oder „Anarchomumie hochhalten" etc. fest¬ 
legen wollten. * * * 

Seit in Waschington D. C. AAA-Gruppen begonnen haben, 
Gruppen und Individuen der ganzen Region aktiv zu ver¬ 
netzen gab es einen ermutigenden Aufschwung. Viele sind 
zusammengekommen und haben sich gegenseitig geholten, 
_ beim Aufbau gemeinsamer Strukturen, bei Veröffentli¬ 


chungen und bei Aktivistengruppen. ... Nun tauchen viele j 
Fragen auf, warum wir diese Form der Organisation gewählt 
haben. 

Traditionell haben sich Anarchisten in Föderationen or¬ 
ganisiert, gewöhnlich am Arbeitsplatz wie z.B. die CNT in 
Spanien. Diese Organisationen, die von Bezugsgruppen auf Io- f 
kaler Ebene kontrolliert wurden, waren in der Vergangen- j 
heit erfolgreich, hatten einen gemeinsamen Schwerpunkt , 
und entsprechende Ziele. In bestimmten Gebieten und Zei- j 
ten, wie etwa im Spanischen Bürgerkrieg, waren diese Grup- j 
pen tatsächlich in der Lage, die Produktion in die Hand zu 
nehmen und zu koordinieren. Also, warum versuchen wir 
trotzdem nicht etwas Ähnliches? 

Es gibt zwei Hauptgründe, warum es praktisch ausge-; 
schlossen ist, momentan eine nordamerikanische Födera- j 
tion zu gründen. Erstens: als die CNT der Welt die Arbeiter- • 
kontrolle vorführte, hatte sie Millionen von Leuten als Mit- j 
glieder in einem Gebiet, das unserer Region an Größe nahe- j 
kommt. Anstelle also von einigen wenigen aktiven Gruppen, ■ 
die über den ganzen Kontinent verstreut sind, gab es Kollek-> 
tive, die quasi alles machten, von der Landwirtschaft bisi 
zum Telefondienst. Heute gibt es schätzungsweise 35 Grup-I 
pen in unserer Mittel- Atlantischen Region und die wenig-j 
sten, wenn überhaupt, kontrollieren ihre eigenen Produk-j 













tionsmittel. Zweitens und noch entscheidender: der Schwer¬ 
punkt der gesamten CNT war die syndikalistische Kontrol¬ 
le der Produktion. Es gab keine Kommunisten, Syndikali¬ 
sten, Punks,. Pazifisten, Kommunarden, Kollektivsten 
Neue Welle, Surrealisten, Christen, Individualisten, Kropot- 
kinianer, Yippies, Bakunisten, ...-Anarchisten; wovon jeder 
in ein anderes Projekt seine Arbeit und Energien steckt; es 
gab nur die Syndikalisten mit ihrem gemeinsamen Ziel. Des¬ 
halb waren sie fähig, gemeinsam zu handeln und die Organi¬ 
sation von den Bezugsgruppen leiten zu lassen. 

Wenn aber der Zustand der anarchistischen Bewegung 
nicht mit 1935 zu vergleichen ist, warum vernetzen sich 
dann nicht alle existierenden Gruppen und bleiben auf die¬ 
se Weise in Kontakt? Ganz einfach, weil eine Liste mit 
Gruppen auf dem Papier nichts anderes ist als Papier. Die 
Liste hilft dir, die lokalen Veröffentlichungen zu bekom¬ 
men, um, falls du die Post bezahfen kannst, dir das Wissens¬ 
werte schicken zu lassen. Oder du kannst die Adressen alle 
anschreiben, wenn du dringend Geld brauchst, um eine Ar¬ 
beit abzuschließen. Aber letzten Endes bleibt eine Liste ei¬ 
ne Liste eine Liste. Ohne vorherigen Kontakt und Überein¬ 
kunft zu gegenseitiger Hilfe und Unterstützung kann nie¬ 
mand von Leuten, die er nicht kennt, erwarten, daß sie 
kommen um ihm ein Solardach auf die Kollektivfarm zu 
bauen, um die Zeitung zu verteilen oder um bei einer direk¬ 
ten Aktion für mehr anarchistische Präsenz zu sorgen. 

Eine ganze Reihe von Versuchen für eine nordamerika¬ 
nische Föderation hat es in den letzten 15 Jahren gegeben. 
Die ehrgeizigsten davon haben sich gespalten und sind zu 
faktischer Nicht-Existenz herabgesunken. In manchen Fäl¬ 
len lag der Grund in einem zu eng gesteckten Rahmen, in 
anderen Fällen gab es überhaupt keine praktischen Ansätze. 
Die gegenwärtigen Aufgaben der fortschrittlichen Linken 
sind überaus komplex, und diejenigen für eine anarchisti¬ 
sche Bewegung benötigen eine diffizile Planung, Strategie 
und Taktikdiskussion, um Erfolg haben zu können. 


und erweitert sein Gesichtsfeld und seinen Leserkreis. Das¬ 
selbe gilt für die Individuen. Auf einer persönlichen Ebene 
kann eine Gruppe, die ein städtisches Zentrum eröffnet 
oder eine Landkommune Hilfe für die Planung und Ausfüh¬ 
rung von autarken Systemen bekommen, entweder von den 
Architekten oder von der „Eastern Panhandle Anarchist 
Group V (? don't ask me... d. Übersetzer!). Auf der ande¬ 
ren Seite wird der gesamte Gruppenzusammenhang sich in 
Richtung Autarkie entwickeln, wenn genügend Land- und 
Coop-Kollektive funktionieren. Auf diese Weise arbeiten 
wir an einer anarchistischen Organisation, die Gemein¬ 
schaft unter allen Mitgliedern voraussetzt und mitaufbaut, 
ob sie nun am Arbeitsplatz stehen oder im Geschäftsvierte! 
Pogo abziehen../' 

Scott M. Rodelt 
(Übersetzung: Wolfgang Haug) 



M BERACION - WERKSTATT 



Nimmt man also zur Kenntnis, daß die anarchistische Be¬ 
wegung in Nordamerika zu klein ist und zu verschiedenar¬ 
tig, um eine Föderation zu bilden, die irgendeinen Sinn hat; 
und wenn Vernetzungen sich als uneffektiv herausgestellt 
haben, dann stellt sich die Frage, wie wir unsere lokalen 
Gruppen organisieren? Unsere Vorstellung ist ein Mittel¬ 
weg: Die Organisation soll allen Gruppen offenstehen und 
eine „mutual aid Community" {Gemeinschaft für gegenseiti¬ 
ge Hilfe) aufbauen, wo jede Gruppe die Hilfe einer anderen 
oder Informationen über die momentanen Möglichkeiten 
und Bedürfnisse anderer Gruppen oder Einzelner innerhalb 
des Gruppenzusammenhangs bekommen kann. Die Ver¬ 
schiedenheit der Gruppen ist dann nicht länger ein Hinder¬ 
nis sondern die Basis. Zum Beispiel wäre es für eine Gruppe 
möglicherweise nicht sinnvoll, ein lokales Blatt herauszuge¬ 
ben; so schreiben sie, illustrieren und! vertreiben EMANCI- 
PATION (Zeitschrift der AAA, Anm. sf-redaktion); auf der 
anderen Seite wird EMANCIPATIÖN dadurch vielfältiger 


Entwicklung — Frieden— 




2 Mai Toro o!n , : . Derre| ung neust seit dem 

38.00U Einwohnern 3 ^ K,einstadt mit ca - 

Befreiung in der Provinz? ! 

Der „Laden" ist ein Projekt von fünf Lehrter Gruppen 

.WrlT Sen T"' nen - Die Grup ? en sind: Antikriegshaus 

Lehrte AdTlaiJ Verteidi 3 u "9< KDV-Gruppe 

Lehrte ADELAH und dem Ökumenischen Arbeitskreis Ei- 

ne Welt. Ziel des Projektes ist es, in der kleinbürgerlichen 
Stadt Lehrte über die sogenannte Dritte Welt und die Ruhe 
des Nicht-Krieges aufzuklären und eine Bewegung von un¬ 
ten zu begründen. Zitate aus der Vereinssatzurig: 

- Bewußtsein schaffen für ungerechte Strukturen und 
Schwierigkeiten in der Welt 


— Befreiungsbewegungen unterstützen, die für das Recht 
auf Selbstbestimmung der Völker eintreten 

— Solidarität unter den Menschen aller Nationen, Rassen, 

R e I ig io nen und Welta nschauu ngen zu er möglichen j 

— kleine Schritte zur Veränderung in unseren Lebensberei- 
chen aufzeigen und einen gewaltfreien aktiven Lebensstil 
Vorleben 


— die Notwendigkeit der Veränderung unseres Lebensstiles 
im Großen wie im Kleinen bewußt machen. 

Sicherlich sehr schöne Worte — wie sieht so etwas praktisch 
aus? In dem „Laden" werden Waren, die direkt Projekte in 
sogenannten 3.-Welt-Ländern unterstützen, Plakate, Post- 
arten u.a. Material aus der Friedensbewegung sowie Bücher 
un eftungen die diesen Bereichen zuzuordnen sind, anqe- 
boten. Weiter besteht die Möglichkeit, in Gesprächen und 
durch Anschlagtafeln Kontakte, Infos, Ideen etc. zu ver¬ 
mitteln. 


32 







Darüberhinaus sind an fast jedem Abend die o.a. Grup¬ 
pen und andere AG's anzutreffen. Jeden 4. Sonntag im Mo¬ 
nat gibt es einen politischen Frühschoppen, wo Filme, Ton¬ 
bildserien und Diskussionen angeboten werden. Langfristig 
ist an regelmäßige Kurse, Seminare, Abendveranstaltungen 
u.ä. gedacht. 

Dieses Projekt ist meiner Meinung nach auch für unsere 
anarchistische Bewegung von Interesse: Alle Entscheidun¬ 
gen werden in der monatlichen Mitgliederversammlung (alle 
aktiv mitarbeitenden Menschen gehören dazu, ob sie Bei- 
trag bezahlen oder nicht) durch Konsensbeschlüsse getrof¬ 
fen. Dazu gehört auch die Frage, ob beispielsweise das Buch 
Y oder die Plakette X im Laden verkauft werden sollen. 
Überschüsse (bisher noch Fiktion) werden für das Projekt 
verwendet. Geöffnet ist der Laden die ganze Woche zu den 
üblichen Geschäftszeiten, was durch Schüler, Studenten etc. 
(nachmittags) und einige Hausfrauen ermöglicht wird. Spe¬ 
ziell für die Hausfrauen tibi es eine AG, die diesen erklärt, 
warum und wieso Projekt X in Nicaragua unterstützenswert 
ist usw. Dadurch, und durch die Tatsache, daß die Libera- 
cion von den Lehrter Bürgern (insbesondere den Jugendli¬ 
chen) recht gut angenommen wird (z.B. bei den Spenden 
für die Einrichtung oder beim Verkauf), zeigt sich, daß es 
die vielbeschworene Basis wirklich gibt. Den tatsächlichen 
Stellenwert der Liberacion kann mensch sicher erst nach 
1-2 Jahren feststellen - die guten Ansätze sind jedenfalls 
d 3 

Die Anarchie ist für meine Seite derzeit sicher nicht 

durch eine „große Revolution" zu erreichen. sondern durch 

beharrliche Arbeit und den Versuch, anarchistische Posrt o- 
nen und Denkweisen in solche Initia' - wie die L.bera- 
cion einzubringen. Zumindest in Lehrte ist dazu ein Anfang 
gemacht, der auch die Chance hat, sich nicht zu einer reinen 

„Szenensache" zu entwickeln. ... , 

Wer noch mehr über die Liberacion wissen will oder uns 
besuchen will oder gar unterstützen will, kann sich an meine 
Adresse wenden: Jürgen Rockahr, Berliner Str.J.3160Lahr 
te-Sievershausen. Spenden sind mehr als willkommen da 
die Finanzierung derzeit noch das größte Problem darstellt. 
Volksbank Lehrte (BLZ 251 915 10), Kto.-Nr. 159 190 
Glück und Freiheit! 


Jürgen Rockahr 


GRÜNER ANARCHISMUS? ? 


von Volker Schossler 

Im Schwarzen Faden Nr. 7 begann eine Diskussion über das 
Für und Wider einer Organisierung der vereinzelten Anar¬ 
chisten. Dazu könnte man zuerst einmal die klassischen 
Theoretiker des Anarchismus bemühen. Während Michail 
Bakunin 1866 die „Prinzipien und Organisation einer in¬ 
ternationalen revo lutionaer-sozia listischen Geheimgesell¬ 
schaft'' auf stellte und somit schon indirektfür eine interna¬ 
tionale Föderation aller Anarchisten plädierte, fand der be¬ 
kannteste deutsche Anarchist Erich Mühsam nur harte Wor¬ 
te für eine Organisierung. In seinem Buch „Die Befreiung 
der Gesellschaft vom Staat" schreibt er im Juni 1932 zum 
Thema Klassenkampf und Organisation: „Die Führung des 
Klassenkampfes unter anarchistischen Gesichtspunkten be¬ 
darf aber nur der Anwendung der anarchistischen Gesin¬ 
nung, um ihm die Aussicht auf die Befreiung des Proleta¬ 
riats zu sichern. Zur organisatorischen Zusammenfassung 
besteht für kommunistische Anarchisten weder eine Ver¬ 
pflichtung, noch ist die Idee des Anarchismus mit der 
Schaffung einer Organisation verträglich." Aber an anderer 



Stelle schreibt er wiederum: so ist der W Ile des einzel¬ 

nen allein ausschlaggebend für die Art seine * Mitwirkung, 
auch dafür, ob und wie weit er sich in Verbünde eingliedern 
mag, deren Taktik in mancher Hinsicht von freiheitlichen 
Gesichtspunkten aus angreifbar ist" Und das führt mich 
nun zum eigentlichen Thema dieses Aufsatzes. 

Im ersten Beitrag zur Föderationsdiskussion im SF Nr. 7 
schreibt der Autor des Beitrages, Alexander Celso,: „Wir ha¬ 
ben die GRÜNEN und ALTERNATIVEN kritisiert, weil 
wir sie im Verdacht hatten, daß sie Basisbewegungen und 
Bürgerinitiativen wieder für das parlamentarische Prozent- 
Spiel vereinnahmen..." Das hat mich nun angeregt, in diese 
Diskussion einzusteigen. Denn ich bin aktiv bei den GRܬ 
NEN, sehe mich aber gleichzeitig auch als überzeugten An¬ 
archisten an. Jamomentmal, wird sich manche(r) Leser(in) 
jetzt fragen, wie läßt sich das denn mit dem Selbstverständ¬ 
nis als Anarchist vereinbaren, daß mensch gleichzeitig in ei¬ 
ner Organisation tätig ist, die „Basisbewegungen und Bür¬ 
gerinitiativen für das parlamentarische Prozentspiel verein¬ 
nahmt, statt das Bewußtsein zu fördern, daß alle für sich 
selbst handeln und kämpfen müssen"? Nun, das möchte ich 
gerne hier erklären, denn für mein Selbstverständnls läßt es 
sich sehr wohl vereinbaren, Anarchist zu sein und gleichzei¬ 
tig in der grünen Bewegung mitzuarbeiten (denn als Partei 
sehe ich persönlich sie nicht an. Ich möchte auch gleich jeg¬ 
lichen Verdacht von mir weisen, daß ich etwa in irgendeiner 
Weise Reklame für die GRÜNEN machen will, das liegt mir 
nun wirklich fern.) 

Ich kann mich an eine Zeit erinnern, als ich so fünfzehn, 
sechzehn Jahre alt war, da war es unter den jungen Leuten 
äußerst schick „rot" zu sein. Wer als Jugendlicher etwas auf 
sich hielt, prahlte damit, Kommunist zu sein, ging auf die 
Straße und rief: „Ho-Ho-Ho-Tschi-Minh" und selbstver¬ 
ständlich auch die rote Mao-Bibel in der Tasche, ohne viel¬ 
leicht je richtig darin gelesen zu haben. Und wie die Zeiten 
sich gleichen, heute ist mensch, wenn er/sie up to date sein 
will, eben Anarchist oder Anarcho-Punk oder weiß der Gei- 


ORGAN OER INITIATIVE FREIE ARBEITER-UNION 

igr * 1 



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er was sonst noch. Rot ist heutzutage out, damit lockt man 
keinen Hund mehr hinter dem Ofen hervor. Schwarz ist 
jetzt gefragt und das „A" mit dem Kreis drumrum. Aber 
fragt man sie: „Was weißt Du denn z.B. von Bakunin, 
oder um aktuell zu bleiben, von Murray Bookchin?" be¬ 
kommt man nur ein verständnisloses Grinsen und ein 
„Häh??'' zur Antwort. Da liegt nun der Verdacht nahe, daß 
Anarchismus für diese Leute wohl mehr ein hübsches modi¬ 
sches Gewand ist, das mensch eben trägt, weil es „so toll 
exotisch ist, eben richtig freaky", wie mir mal ein Punk¬ 
mädchen in einer Unterhaltung sagte. 



nicht gerade kleine Fraktion, die ganz und gar nicht von 
Wahlbeteiligung und Prozentespielen begeistert ist 

Dies sind nur einige der Gründe, die mich bewogen ha¬ 
ben, als Anarchist zu den GRÜNEN zu gehen und dort ak¬ 
tiv zu sein, da ich sie durchaus als eine Art semi-anarchisti¬ 
sche Bewegung ansehe, eine Tatsache, deren sich die mei¬ 
sten wohl gar nicht bewußt sind. Ich habe hier auch mehr 
politische Freunde gewonnen, die sich auch völlig bewußt 
als Anarchisten verstehen (sie lesen übrigens auch den SF). 
Ich glaube, daß ich hier mehr für die Verwirklichung! der 
Anarchie tun kann, als wenn ich weiterhin wie früher als 
Einzelgänger meine Überzeugung vertreten hätte. 

in diesem Zusammenhang möchte ich auch auf das Mo¬ 
dell hinweisen, das Erich Knapp {vom Bundesvorstand der 
GRÜNEN) vor einigen Monaten in der grünen Wochenzei¬ 
tung vorgestellt hat. Es ist ein Modell über die Neuorgani¬ 
sierung der Gesellschaft in unserem Land (durch Bürgerini¬ 
tiativen und Nationalkonvent etc.), das elge.itlich jedes An¬ 
archistenherz höher schlagen lassen müßte beim Lesen, da 
es quasi die vollendete Anarchie darstellt. Außerdem wird 
hierin auch eine Möglichkeit aufgezeigt, wie mensch auf ge¬ 
waltlose Weise eine libertäre Gesellschaft aufbauen könnte, 
also ohne Revolution, durch bewußte Ignorierung, Nicht- 
zurkenntnisnahme, Verneinung des Staates, Wer interessiert 
ist, das einmal zu lesen, möge sich über die SF-Redaktion an 
mich wenden, ich werde ihm/ihr gerne eine Kopie dieses 
Aufsatzes schicken. 

Wie schon gesagt, stimme ich in der Organisationsfrage 
für eine Organisierung der Anarchisten, schließlich ist es 
doch wohl allgemeiner Konsens unter uns allen, daß wir die 
Anarchie so bald wie irgend möglich haben wollen und nicht 
bis in alle Ewigkeit darauf warten bzw, davon träumen wol¬ 
len. Das geht m.E. aber nur, wenn wir nicht nur als Einzel- 
kämpfer für die Verwirklichung unseres Traumes kämpfen. 
Gemeinsam {und nur gemeinsam) können wir auf unserem 
Weg vorankommen, wenn auch nur millimeterweise, aber 
immer noch besser afs weiterhin auf der uns so lieb gewor¬ 
denen vertrauten Stelle zu treten. 

Wie und wo mensch sich organisieren sollte, muß natür- 


Vor ca. zwei, drei Jahren stand ich nun auch vor der 
Frage, ob ich das Anarchist sein eigentlich nur als Mode an¬ 
sah oder als überzeugte Geisteshaitung. Da ich mich eindeu¬ 
tig für das letztere entschieden hatte, stellte sich mir die 
Frage, ob es denn sinnvoll sei, als sogenannter „Einzelkämp¬ 
fer" meine Überzeugung weiterzuvertreten oder ob es nicht 
besser wäre, sich zu organisieren, nach dem Motto „Allein 
machen sie dich ein, aber gemeinsam sind wir unaussteh¬ 
lich". Zufälligerweise entstanden zur gleichen Zeit die 
GRÜNEN. Und da es weit und breit keinen Zusammen¬ 
schluß von Anarchisten gab, der mir in etwa zugesagt hätte 
(die F.A.U. ist für mich aus verschiedenen Gründen derzeit 
unakzeptabel), habe ich mir die GRÜNEN unter kritischen 
Gesichtspunkten einmal betrachtet, und bin zu dem Ergeb¬ 
nis gekommen, daß bei den GRÜNEN doch einige Kriterien 
erfüllt werden, die von den Anarchisten seit eh und je ge¬ 
fordert werden. Zum Beispiel sollte sich jede(r) Leser(in) 
einmal die Frage stellen, was denn die Basisdemokratie, die 
zu den obersten Grundforderungen der GRÜNEN gehört 
und von ihnen auch weitestgehend praktiziert wird, was sie 
denn anderes ist als einer der elementarsten Bestandteile der 
Anarchie? Und über die Wichtigkeit der Verbindung von 
Ökologie und Anarchie brauche ich hier kein Wort zu ver¬ 
lieren, das ist eh allen klar, und das hat Murray Bookchin 
schon viel besser gemacht, als ich es jemals könnte (ich 
empfehle hier ganz besonders seine Aufsatzsammlung „Die 
Formen der Freiheit", sehr lesenswert!). Und wasdas „par¬ 
lamentarische Prozentspier' anbelangt, so muß gesagt wer¬ 
den, daß die Beteiligung an Wahlen innerhalb der GRÜNEN 
durchaus nicht so unumstritten ist, wie gemeinhin in nicht¬ 
grünen Kreisen angenommen wird. Es gibt nach wie vor eine 34 


anarchistischest magazin 



031301 B 6Ffm 17 

Probeexemplar 0,80 

in briefmarken 



















lieh jede(r) für sich selbst entscheiden, da kann es einfach 
keine verbindliche Regel geben-Ich habe mich für mich ent¬ 
schieden,. innerhalb der GRÜNEN tätig zu sein, denn es gibt 
leider z.Z. keine große effektive anarchistische Organisation 
wie z.B. die CNT in Spanien. Die FAU halte ich persön¬ 
lich nicht für eine Alternative, jedenfalls nicht so, wie sie 
heute ist. Bei den GRÜNEN versuchen ich und meine 
Freunde nun, die anarchistische Idee zu verbreiten, soweit 
sie nicht schon ohnehin in den Köpfen vieler Leute, wenn 
auch nur unbewußt, vorhanden ist. Mit den Mitteln und der 
Schlagkraft, die die GRÜNEN heute nun einmal unbestreit¬ 
bar schon besitzen, glaube ich mehr für die Schaffung und 
Verbreitung der Anarchie tun zu können, als ich es sonst 
schaffen würde. Und was die Beteiligung an Wahlen angeht, 
die ja unter Anarchisten sehr verpönt ist, so möchte ich be¬ 
merken, daß es für mich egal ist, ob ich mit diesen Mitteln 
die Anarchie verwirklichen helfe. Der Zweck heiligt die 
Mittel, heißt es im Volksmund, und mit welchen Mitteln die 
Anarchie erreicht wird, war schon Erich Mühsam egal. 
Hauptsache ist, daß sie erreicht wird. Schließlich war sogar 
Pierre Joseph Proudhon, der Vater der Anarchie, im Jahre 
1848 Mitglied der französischen Nationalversammlung, und 
von Erich Mühsam ist ja hinlänglich bekannt, daß er eine 
führende Stelle in der Bayerischen Räte-Republik innehatte. 
Was ich damit sagen will ist, daß sich Anarchisten auch am 
parlamentarischen Spiel beteiligen können. Wie die Beispie¬ 
le Proudhon und Mühsam lehren, muß man dabei gar nicht 
Gefahr laufen seine Überzeugung zu vergessen/verraten. 
Denn wenn auch beide in ihrer Teilnahme an der Politik er¬ 
folglos waren, sind sie doch auch nahher ihrer Überzeugung 
treu geblieben, was wohl niemand bestreiten kann. 

Es werden mir jetzt natürlich die meisten Leser nicht zu¬ 
stimmen, mich wahrscheinlich sogar heftig kritisieren. Ich 
habe hier nur einen Weg von vielen beschrieben. Die Ent¬ 
scheidung, bei den GRÜNEN aktiv mitzuarbeiten, ist nur 
für meine eigene Person der richtige Weg (in welcher ande¬ 
ren Partei wäre es wohl sonst möglich, eine Arbeitsgruppe 
Anarchie aufzubauen, was übrigens selbst für die GRÜNEN 
ein absolutes Novum ist?), aber ansonsten muß jedermann/ 
jedefrau für sich selbst frei entscheiden, welches der richti¬ 
ge weg für ihn/sie ist. Abschließend möchte ich all den po¬ 
tentiellen Kritikern meines Beitrags einige Worte von Max 
Stirrer aus „Der Einzige und sein Eigentum" entgegen- 
haltfc i, die ich für mich zur obersten Maxime gewählt 

habe: . 

„Doch kann ich sagen im Rechte zu sein, wenn es mir 
von der Gesellschaft, von allen zugebilligt wird? Und soll 
ich diese Anerkennung von der Gesellschaft erwarten? 
Kann mein Recht von der Schätzung eines Fremden ab- 
hängen, gleichviel ob es ein Dummkopf oder ein Weiser 
ist? (...) Auf alle diese Fragen kann ich ja nur mit der 
Verneinung antworten, und erkläre, daß nur ich allein be¬ 
urteilen kann, ob ich Recht oder Unrecht habe, ob ich ein 
Recht habe oder nicht. Die anderen können nur sagen, 


ob sie meinem Rechte beistimmen oder nicht, und ob das, 
was für mich Recht ist, auch für sie als Recht Desteht.'' 


mmmm 


Leserbrief: 

(...) Im Vordergrund unserer Überlegungen steht die un¬ 
terschiedliche Gewichtung von Aktion und Organisa¬ 
tion innerhalb der anarchistischen Bewegung, nicht aber 
die Ablehnung des einen oder des anderen. Wir haben in 
den vergangenen fünfzehn Jahren hier im Ru irgebiet an ei¬ 
nigen Versuchen teilgenommen, um eine anarchistische 
Organisation zu gründen, die jedesmal nach dem gleichen 
Schema abliefen: da treffen sich also einige Genossen mit 
dem festen Vorsatz, eine „Föderation" oder ein „Syndi¬ 
kat" zu gründen, erarbeiten eine gemeinsame Plattform, 
geben sich einen mehr oder weniger wohlklingenden Na¬ 
men, ... und dann ... kommt nichts mehr. Bei all diesen 
Versuchen blieb uns schließlich nur der Eindruck, oaß 
viele Genossen von der irrigen Annahme ausgehen, daß 
eine Organisation automatisch auch das Probien der Ak¬ 
tion löst. Aber die Erfahrungen zeigen nun mal das ge¬ 
naue Gegenteil, sogar dann, wenn ein Projekt, an dem 
gemeinsam gearbeitet werden kann, zur Verfügung steht, 
wie im Fall der Kölner Genossen mit der BEFREIUNG. 
Deshalb setzten wir also den Schwerpunkt genau auf die 
gegenüberliegende Seite. Zunächst müssen sich einzelne 
Genossen oder besser Gruppen von Genossen zu konkre¬ 
ten Aktionen aufraffen, die sie vielleicht nach genügenden 
Erfahrungen zu der Einsicht kommen lassen, sich zum 
Zwecke der Koordination einen gewissen organisatorischen 
Rahmen zu geben. Eine Organisation kann nur dann in der 
anarchistischen Bewegung eine aktive Rolle spielen, wenn in 
ihr das elementare Bedürfnis der aktiven Genossen und 
Gruppen zum Ausdruck kommt. Nur auf der Basis vielfäl¬ 
tigster Initiativen und Aktivitäten hat eine Organisation ei¬ 
ne ausreichende Existenzberechtigung. Für den Anfang sind 
solche Aktivitäten wie Zeitungsmachen, Broschüren /Bü- 
cherverkauf, Piakatkiebereien und Kulturveranstaltungen 
natürlich schon ganz gut, aber in unseren Augen durchaus 
nicht hinreichende Bedingungen, um sofort mit einer anar¬ 
chistischen Organisation auf den Plan zu treten. Folglich 
stellt sich als vordringliches Problem die Frage nach den ge¬ 
eigneten und notwendigen Voraussetzungen zur Gründung 
einer anarchistischen Organisation. 

Peter und Kita von TRAFIK, 
Mülheim 


Murray Boohchin 
Natur und Bewußtsein 
Bookchins Plädoyer für ein 
neues Bewußtsein der Men¬ 
schen von sich, von anderen 
und von der Natur. 

80 S. Preis: 5,80 DM 

Murray Bookchin 
Hör zu Marxist 
Bookchins klassicher Bei¬ 
trag zur Marxismuskritik. 
In Amerika prägte er über 
lange Zeit die Anarchis¬ 
mus-Marxismus Diskussion. 
64 S. Preis: 2,80 DM 


Herb /Peters / Thesen 
Der neue 

Rechtsextiemismus 
Eine umfassende Schilde¬ 
rung der rechtsradikalen 
Gruppen in der BRD. Ein 
Handbuch, das einen kon¬ 
kreten Gebrauchswert für 
eine antifaschistische Ar¬ 
beit besitzt, aber auch als 
Einstieg in die Thematik 
sehr gut geeignet ist. 

196 S. mit Bildteil 
Preis: 16 DM 


William Archer 
Ftandso Ferrer 
F. Ferrer gründete 1901 in 
Barcelona die 'Moderne 
Schule', Sie war der Ver¬ 
such, libertäre Erziehungs- 
Vorstellungen in die Tat 
umzusetzen. Wir geben in 
diesem Buch eine Lebens¬ 
beschreibung Ferrers und 
stellen seihe pädagogischen 
Ansichten vor. 
ca. 140 S. Preis: 12,80 DM 


Peter Kropotkin 
Der Anarchismus 

Zwei Aufsätze über den 
kommunistischen Anarchis¬ 
mus, zu dessen Begründern, 
Kropotkin zählt sowie eine 
ausführliche Einführung in 
Kropotkins Leben und 
Werk. 

96 S. Preis: 5,80 DM 

Horst Stowasser 
Die Machnotschina 
Der Kampf der Anarchisten 
für eine freie Gesellschaft 
in der Ukraine 1917-22. 
120 S. Preis: 7 DM 


Jod Spring* 
Erziehung als Befreiung 
Ein Abriß der bedeudend- 
sten Erziehungsideen des 
Anarchismus, Marxismus 
und der linken Freudianer. 
Ivan fllich's Kommentar zu 
diesem Buch: „ Spring's 
Buch ist einzigartig!” 
ca. 160 S. Preis: 14,80 DM 
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NitederhOningen, 18. Mai 1982 


Lieb© Fädier 


ins Sachen Anarchtsmusdiskussion 
berate Stille m den helvetischen Gewäs¬ 
sern* soweit ich das von meinem Elfen- 
temtomi-Ar»ch 0 t-Sein aus beurteilen 
kam. Keim Forum gibt es hier, das in an¬ 
archistisch»' Richtung theorie- oder mei- 
nunspbitend wirken könnte, von Organi¬ 
sation ganz m schweigen (Abgesehen viel¬ 
leicht von libertären Gruppen im Jura, 
doch von denen weiß ich auch nur, weil 
mw am diesjährigen Ostermarsch zufällig 

i ltir Flugblatt In die Hände geflattert ist). 
Andererseits gäbe es zuhauf anarchisti¬ 
sche Tendenzen, die Städte strotzen nur 
so von gesprayten A's, wobei natürlich 
dar Verdacht naheilegt, es handle sich 
: hierbei! lediglich um ein Modezeichen oh¬ 
ne Hintergrund und die ganze Bewegung 
der Unzufriedenen — kurz „Bewegig" —, 
die nun seit zwei Jahren mehr oder weni¬ 
ger aktiv fei, stehe im Zeichen der Anar¬ 
chie* wurde von der Eidgenössischen Ju- 
gendkommiMou offiziell konstatiert und 
«Anarchie^ hier er sta tmtrcherwe ise nicht 
im anrüchigen* chaotischen, destruktiven 
— Ich bin versucht zu sagen: polnischen 
bzÄ. real-sozlalrstischen — Sinn gebraucht. 
Eter Kampf m die Autonomen Begeg- 
j nungszentren; @J.Z| war und ist ein an~ 
archilstrscher fwas eigentlich schon da¬ 
durch bewiesen wurde, daß die Zentren 
von dm Herrschenden! nicht geduldet 
werden tennten, auch dann nicht, wenn 
sfe Ifefdilfch gut funktionierten, wie z.B. 
das ÜJZ In Bern)). 

Trotzdem, scheint mir, sind „erklär¬ 
te^ Anarchisten rar. Die' Bewegig fährt 
vor altern auf Aekschen ab, die nun, nach' 
zwei Jahren* langsam ausfeiert Ein politi¬ 
sches Bewußtsein fehlt weitgehend. 
Firdfrifen sich die Anarchisten Isofern es 
Im dtear G^end überhaupt welche hat), 
| gpnsend ütar die Kommunisten, die ver¬ 
glich versuchen, sich bei der Bewegig 


anzubiedern, an den Vollversammlungen 
missionierend und moralisierend zu er¬ 
scheinen und ebenso abzublitzen? Oder 
geben sie sich mit den anarchistischen 
TENDENZEN in der Bewegig - wie ge¬ 
sagt: ohne Theorie und Bewußtsein - 
schon zufrieden? Beides mag zutreffen 
und trifft auch auf mich selber teilweise 
zu. Schon mich zum Anarchisten zu „be¬ 
kennen", hat einen schalen Beigeschmack 
und bringt die Furcht mit sich, als Sek¬ 
tierer, Dogmatiker und Theoretiker zu 
erscheinen und nichts liegt mir ferner als 
das zu wollen. 

Und trotzdem: Ich will aus meinem 
Elfenbeinturm-Anarchismus ausbrechen, 
denn alleine stehe ich dauernd auf ver¬ 
lorenem Posten und gebe mich mit Halb¬ 
heiten zufrieden. Eine Anarchismusdis¬ 
kussion in der Schweiz tut also not. 

Stille ruht hier der See. Möge Eure 
Föderationsdiskussionswelle nicht nur in 
der BRD ihre Wirkung tun, sondern auch 
auf unsere Gewässer über schwappen und 
hier etwas in Bewegung setzen. 

Liebe Grüße 
Hans Rudolf Hess 

$c 1c 1c 

Ich glaub, dal 3,™- DM wirk¬ 
lich das letzte der Gefühle ist, was Leute 
in nem Buchladen für 'ne Anarcho-Zei- 
fung ausgeben. Bei den Abonnenten, die 
den SF kennen , ist viel leicht 'ne Abo- 
Preiserhöhung drin. Vielleicht läuft das 
mit den Förderabos ja noch besser an. 
Eine Spendenaktion, wie eine wieder¬ 
kehrende Spendenliste ist ok, wo ist denn 
da die Schwierigkeit? Ich bin sicher, daß 
im nächsten SF schon die erste Liste ab¬ 
gedruckt werden kann... 

PETER GRIGAT, 
Wilhelmshaven 


1c ik 1c 

Der Artikel zum Dokumentarfilm war ja 
ganz nett, doch was hat er für einen Be¬ 
nutzerwert, wenn nicht wenigstens ein 
paar konkrete Angaben zu lesen sind. 


welche dieser Filme hier in Deutschland 
auszuleihen sind, wo und ob sie vielleicht 
was taugen? Ich finde es notwendig, daß 
ihr das nach holt. 

Zur Föderation: Ich findes es abso¬ 
lut notwendig, daß Anarchisten - wollen 
sie sich selbst ernst nehmen — sich organi¬ 
sieren. „Ob" Ist überhaupt keine Frage, 
nur das „wie" unterscheidet üns von 
Marxisten beträchtlich. Daß es auf dem 
Kronstadt Kongreß nicht nur zu keiner 
Einigung, sondern nur zu Chaos kam, 
sollte diejenigen, die für Organisierung 
eintreten, nicht von ihrem Willen abhal¬ 
ten. Nur: notwendig sind ja wohl zuerst 
funktionierende lokale oder re¬ 
gionale Gruppen... Qberh.jupt: notwendig 
finde ich wohl vieles! 

ULRICH, Offen bach 

Leider müssen wir zu den Filmen vor¬ 
erst passen. Vielleicht weiß ein ande¬ 
rer Leser die Antwort? 

*** 


(...) Ich begreife nicht, warum du immer 
noch — nach Berlin — so überzeugt „die 
Mumie des Anarchismus" vertrittst und 
nun gar wieder mit einer Organisation 
spekulierst. OrganJsIeiTheit gut, aber in¬ 
nerhalb der sozialen Bewegung, aber nicht 
über eine spezifische Position des Anar¬ 
chismus. (...) Und wenn auch eine Orga¬ 
nisation möglich wäre, würde sie derart 
viel Energie, innovative Kraft und Lust 
verschlingen, daß die Versuche der 
IFAU etc. nicht zufällig gescheitert sind, 
sondern aus einer Inneren Zwangsläufig¬ 
keit. Neue Ansätze sind lose Zusammen¬ 
hänge vo n 'B eto nzeit-A n sch läge- Le u te\.. 

CHRISTOF PODAK 
Basel 



Magazin für Blues 

BLUES FORUM erscheint vierteljährlich. 
Einzelheft: DM 4,— /Abonnement DM 15 ,— 
(vier Hefte ind. Porto)^ Postscheckkonto Ber¬ 
lin West, Thomas Gutberiet, 4386 71 - joo 

Herausgeber 
Thomas Gutberiet 
Glogauer Str. 22 
PTC® Min 36 























(Radio de la FA ämettant sur Paris et Proche region) 


Tous les jours, sur 89,5 MHz 


LETZE MELB&MGs 

> FRANZÖSISCHE 

REGIERUNG HAT 

. %/v R-L 


An die internationale 
libertäre Bewegung: 

RADIO LIBERTAIRE IN GEFAHR! 

Während ihres jährlichen Kongresses in Neully sur Marne 
zu Pfingsten 1981 wurde von den Genossen der Französi¬ 
schen Anarchistischen Föderation (FAF) Rad.o Libertaire 
ins Leben gerufen. Dieser Radiosender hat die Aufgabe, 
sowohl für die FAF zu werben als auch allgemein die anar¬ 
chistischen Ideen zu verbreiten. 

Radio Libertaire ist in der Zwischenzeit wichtiger gewor¬ 
den, als es sich ihre Initiatoren erträumt hatten: Rückwir¬ 
kungen auf internationaler Ebene, engere Beziehungen zur 
CNT/Spanien (die zusammen mit der libertären Lateiname¬ 
rikanischen Koordination eine sehr beliebte Wochensen¬ 
dung macht), Teilnahme von Mexikanischen Genossen (der 


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VERBOTEN ! 
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Zeitung 'El Co’mpital') durch Zusendung von Bändern, die 
wöchentliche Sendung in Esperanto am Freitagabend - 
all das hat in kurzer Zeit zu einer sehr großen Beliebtheit 
und einer Zuhörerzahl geführt, die auf 10.000 bis 20.000 
geschätzt wird - und zwar aufgrund einer Befragung, die 
von den Genossen durchgeführt wurde, als "RL" nur 4 
Stunden am Tag sentete. Diese Zahl kann heute leicht 
doppelt so hoch liegen. „RL" gehört zu den 10—15 Radio¬ 
stationen (auf 107) die die größte Zuhörerschaft in der Ile 
de France (Paris und Umgebung) haben! 

Vom 18 Mai bis 7. Juni schwieg Radio Libertaire. Die 
Ursache: ein schlimmer Schaden am Sender. Dazu kamen 
die unvermeidlichen Schwierigkeiten mit der Nachbarschaft, 
die wohl jedes freie Radio kennt; dies vor allem wegen des 
politischen Charakters des Senders. Diesen Problemen 
konnte man nicht wirklich und dauerhaft abhelfen. Des¬ 
halb haben sich nun die 50 freiwilligen Betreiber des Radios 
entschlossen, mittels kurzfristiger persönlicher Darlehen ein 
richtiges Studio einzurichten und mit den notwendigen 
Bauarbeiten begonnen. 

Das ganze kostet 150.000 Franc. Die Rückzahlungen der 
Darlehen laufen auf 6 Monate, und die finanzielle Lage von 
„RL" ist zudem schlecht, weil noch 30.000 Franc aus der 
Anfangseinrichtung zurückzuzahlen sind. 


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Die finanzielle Sanierung ist alter die einzige Gewahr für | 
die Unabhängigkeit der Station: Radio Libertaire lebt nur 
durch die Beiträge der Zuhörer. Das Verlust- und Gewinn-1 
konto kann jeder überprüfen. Damit das Radio weiter funk- j 
tionieren kann, bittet die FAF um Hälfe auch und gerade j 
aus dem Ausland, um dieses hoffnungwoile Projekt aus dar 
kritischen Situation herauszuführen. Die Solidarität kam 
unterschiedlichste Formen haben: 

— Kauf von T-Shirts, Postern, badges mit den Emblem von I 

Radio Libertaire, j 

— Kauf von jährlichen Hörerkarten: 70 Franc das Stick, i 

— Kauf von Solidaritätsgutscheinen, von 100, 500 oder 
1000 Franc. 

Finanzielle Unterstützung bitte direkt an: j 

Radio Libertaire 
145, rue Amelot 
F -75011 Paris 

Schecks und Überweisungen bitte an PUBLICO und n icht i 
an Radio Libertaire ausfüflen! 

INTERNATIONALE SOLIDARITÄT, DAMIT RADIO 
LIBERTAIRE WEITER LEBT, DAMIT WIR DIE ANAR¬ 
CHISTISCHEN IDEEN WEITER VERBREITEN* ! 

(Relations fnternationaux faf / adz Wetzlar* 







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FRANKFURT 


Den Natodraht (zur Sicherung!!) 
beidseitig über die Fahrspur (der 
Wasserwerfer) ziehend, konnten wir 
einen der beliebten Flutlicht masten 
mit ein paar Knüppelschlügen zum 
leuchten bringen — am Steckerka¬ 
sten. 

Er ist wunderschön ausgebrannt! 

I Auch beistehendes Telefon lag nach 

' unwrom Pj>n ir>U ont*\. ts.it __; 


I (Herz-) Schlag 
auf Schlag 


7 Am 6. Juni, beim regelmäßigen 
|l Sonntagsnachmittagsspaziergang — 
diesmal im Rahmen der Anti-Nato- 
]{Woche — gingen nicht nur einige’ 
( Mauerstreben zu Bruch . 

Nachdem sich an,,ruhiger Stelle” ei- 
ne verschobene Mauerstrebe zum 
f.Durschschlupf „anbot” und der Na- 
i todraht durchgepetzt war (reicht ein 
| kleiner Bolzenschneider), haben wir 
t auf dem Startbahngelände ein ktei- 
. nes Go- (besser Run-) ln veranstaltet . 


unserem Besuch entzweit und vor al¬ 
tem anschlußlos herum. Mittels 
Brandsätzen wurden an einem weite¬ 
ren Mast einige Kabel zumindest an- 
geschmort... 

Es gibt immer noch viel zu tun... Sie 
kriegen ihren Rest — die Startbahn 
West. 

Libertäre Grüße 
einige Startbahngegner 


rfi^SSgsgg *• 

vero/«” ffr °sses w? Andorn M / n ^'ht 4 T ,<? ' 
defk? « Un « W? r Internat- an Weh 5 er 

W ■ ■■■ 1 


VIER BETONSTREBEN GEKNACKT: kostet 6300 























Der Schwarze Faden ist also trotz Einsparungen und Spen¬ 
den teurer geworden und wir können nur um Euer Ver¬ 
ständnis (insbesondere das der Wiederverkäufer!) bitten und 
versichern, daß wir tatsächlich die Unkosten nicht decken 
können, obwohl die Redaktion, das Lay out, die Weiterver¬ 
arbeitung in der Druckerei und der Vertrieb unentgeltlich 
gemacht werden. Insgesamt standen wir vor der Entschei¬ 
dung, entweder immer mehr Beiträge rauslassen zu müssen, 
oder eben die Preise zu erhöhen und weiterhin 40 Seiten 
pro Vierteljahr zur Verfügung zu haben. Unumgänglich wur¬ 
de die Preiserhöhung letztlich durch die Zwickmühle zwi¬ 
schen Postgebühren und Satzkosten. Um die Post zu verbil¬ 
ligen, wollen wir den SF auf Postvertriebsstücke umstellen 
(deshalb hat diese Nummer auch ein verändertes Impressum 



und nicht etwa aus Profilneurose). Zu den Auflagen der Post 
zählt allerdings der Satz und da wir (noch) keinen Compo¬ 
ser haben, fallen im Moment eher Mehrkosten an. Trotzdem 
haben wir uns zu diesem Schritt entschlossen, weil wir 
glauben, daß wir auf lange Sicht (mit steigender Auflage!) 
mehr Porto einsparen bzw. den Satz noch selbst machen 
können. Postvertriebsstücke werden ohne Verpackung ver¬ 
schickt, was weitere Ersparnis bringt; allerdings wollen wir 
denjenigen Abonnenten, die die Zeitung lieber in neutralem 
Umschlag geschickt haben wollen, dies auch weiterhin an¬ 
bieten; eine kurze Postkarte diesbezüglich genügt! 


4 Nrn. Abo; 15,—DM 

8 Nrn. Abo: 30,-DM 

Förderabo (4 Nrn.):20,— DM 
Postscheckkonto Stuttgart 
F. KAMANN 
Konto-Nr.: 574 62 - 703 


Redaktionsanschrift; 
SCHWARZER FADEN 
Obere Weibermarktstr. 3 
7410 Reutlingen 
Redaktionsschluß Nr. 9 
(=4/82): 1. Nov. 82 


Fortlaufende Spendenliste im SF: 

V.S. Dortmund: 10,—; S. W., Frankfurt: 20,—; K. N., Eus¬ 
kirchen: 10,—; Emdener Gruppe: 9,—; T. + H. H. - P., Nie- 
derhüningen: 10,-; K. T., Bremen: 20,-; B. W., Wolfrats- 
liausen: 10,-; H.+ R.S., Hamburg: 20,-; A. K., Straubing: 
10,-; L. K., Speyer: 20,-; O. R., Laufenburg: 8 ,- , H.T., 
:l Reutlingen: 10,— A. B., Rheinfelden: 4,— ... 



B. TRAVEN - 
KONFERENZ ZU SEINEM 
100. GEBURTSTAG 

Vom 21. bis 23. Oktober findet in Pennsylvania eine Inter¬ 
nationale Konferenz zum 100. Geburtstag von B. Traven 
statt. Unter den zahlreichen Beiträgen (meist literarischer 
Art) finden sich u.a.: 

- Krieg und Kriegsgefahr im Werk 

- T'raven-Verfilmungen 

- Max Stirners Einfluß 

- Revolution in Lateinamerika in B. Travens Werk 

- B. Traven - Rezeption (Aufnahme, Verbreitung etc.) 
Teilnehmer ist u.a. auch Will Wyatt, dessen Buch „The man 
who was B. Traven" die langgesuchte Identität B. Travens 
klärte (vgl. SF Nr. 4). Anmelden kann man sich bei: Mary 
Ann Solic, The Pennsylvania State Univ., 410 Keller Con¬ 
ference Center, University Park, PA 16802, USA 











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Eigentums vor behalt: 

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hwr«. r> <3 ' 8t 'V' 2 orhat>«nahrne*' jjt kein* persönlich« Aus 
dTm r.ifr^H Sinn< Vorbehalt. Wird d.« Zeitschrift 

Aösend*? n ‘^ ht otrsön, » cri eusgehlnd.gt, ist S.e dem 

iui 4 nd*n UV? ( l run<1 d * r Nichtaushändigung zuruck* 
S«SnS2h'*uS;tf ?, t,txchr,ft d«" Gefangenen nur te.lweis« 
persom.ch auiper^nq.gf. so si«pd ö!*ei »1 PCllt«|j««ei " 


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